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Politik, Gesellschaft & Übergänge

Moralgerichtshöfe, Unschuldsbeweise und der sowieso schreckliche Rest

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Die Beschuldigungsfälle Aiwanger, Schönbohm und Lindemann zeigen das gleiche Muster: Es gelten keine Grundsätze der Rechtsordnung mehr. Die Süddeutsche und andere demolieren die Gesellschaft gründlicher, als es das Auschwitz-Pamphlet je gekonnt hätte

Von Alexander Wendt / / politik-gesellschaft / 69 min Lesezeit

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„Die Gerichtshöfe der Moral“, schrieb der Philosoph Hermann Lübbe, „kennen keine Prozessordnung.“ Der Satz stammt aus seiner Streitschrift „Politischer Moralismus“ von 1984. Lübbe konnte sich vor fast vierzig Jahren vieles vorstellen, aber wahrscheinlich keine Zukunft, in der Moralgerichtshöfe die reguläre Justiz einmal mehr oder weniger verdrängen würden.

Die Rechtsfindungsinstitutionen des neuen Typs konzentrieren sich auf prominente Fälle – Hubert Aiwanger, Till Lindemann, Arne Schönbohm – aber nicht nur. Die Chancen von Nichtprominenten, sich gegen Beschuldigungen zur Wehr zu setzen, stehen noch einmal deutlich schlechter. Und für alle gilt der Grundsatz, dass überlebter Aufklärungsplunder wie Unschuldsvermutung, Beweisführung, Verteidigungsrechte und das Prinzip, dass Zweifel zugunsten des Beschuldigten ausschlagen müssen, keine Rolle mehr spielen darf. Also eben das, was man gemeinhin bisher unter ‚Prozessordnung‘ verstand. Die Möglichkeit des Freispruchs kennen die Moralkammern übrigens grundsätzlich nicht. Dieser stark vereinfachte Apparat stützt sich mittlerweile auf einen Unterbau von dutzenden Meldestellen und so genannten Registern, letztere steuerfinanziert, aber ähnlich privatpolitisch betrieben wie die Amadeu Antonio Stiftung der epochenübergreifend als Fachfrau anerkannten Anetta Kahane. Nur der Vollständigkeit halber muss erwähnt werden, dass die Betreiber der Moralgerichtshöfe ihr System als großen Fortschritt gegenüber der umständlichen konventionellen Wahrheitsfindung sehen.

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger steht zurzeit als prominentester Angeklagter vor den vereinigten Moralgerichtshöfen der Republik. Was bis jetzt gegen ihn vorliegt, lässt sich schnell zusammenfassen. In seiner Schultasche fand sich 1987, als er das Burkhart-Gymnasium Mallersdorf-Pfaffenberg besuchte, ein abstoßendes Hetzflugblatt, für das er damals bestraft wurde. Nach eigener Aussage verfasste Huberts Bruder Helmut das Schreiben, anschließend nahm Hubert Aiwanger die Schuld auf sich, hielt ein Strafreferat und die Sache schien für die nächsten dreieinhalb Jahrzehnte erledigt.
Das Flugblatt existiert, dass er es in der Tasche mit sich trug, räumte er ein. Bisher meldeten sich keine Zeugen dafür, dass er es verteilte. Darin liegt zumindest nach jetzigem Stand der faktische Kern, um den sich weitere Anschuldigungen gruppieren, etwa, er habe vor der Klasse den Hitlergruß gezeigt, rassistische Witze gerissen und „Mein Kampf“ mit sich herumgetragen. Diese Aussagen trugen bisher überwiegend anonyme Beschuldiger vor. Belege dazu existieren nicht. Und da es sich beispielsweise bei der Frau, die erklärt, „Mein Kampf“ in Hubert Aiwangers Tasche gesehen zu haben, um eine in der Öffentlichkeit namenlose Person handelt, lässt sich noch nicht einmal überprüfen, ob sie tatsächlich zusammen mit Aiwanger auf die Schule ging. Ein anderer namentlich bekannter Belastungszeuge, der gegenüber „Report München“ von rassistischen Witzen erzählte, gehörte nur bis zur 9. Klasse zu den Schulkameraden des heutigen Politikers. Aiwanger konnte in dieser Zeit höchstens 15 Jahre alt gewesen sein.

Zum anderen existieren mittlerweile auch etliche Aussagen von Mitschülern (hier meist namentlich und deshalb gut nachprüfbar), die angeben, nichts von dem Flugblatt beziehungsweise etwas über dessen Urheber mitbekommen zu haben, auch keine Hitlergrußszenen und ähnliches. Darüber hinaus gibt es den Bericht eines früheren Mitschülers; der heute pensionierte Deutsch- und Lateinlehrer Franz Graf habe ihn aufgesucht und gebeten, „einen Dreizeiler“ über Hubert Aiwanger und das Pamphlet zu verfassen. Der Ex-Schüler folgte dieser Aufforderung nach seinen Angaben nicht, weil er – bis ihm der Ex-Lehrer Graf davon erzählte – nichts von einer Verbindung Aiwangers mit der Flugblattangelegenheit aus dem Jahr 1987 gewusst habe.

Der Versuch des Lehrers, einen früheren Klassenkameraden zu einer bestimmten Aussage zu drängen, bildet ein kleines Mosaiksteinchen im Gesamtpanorama. Und irgendjemand musste der Süddeutschen eine alte schreibmaschinengetippte Schularbeit Hubert Aiwangers zugespielt haben, damit die Redakteure die Schreibmaschinentypen vergleichen konnten. Mögliche Zeugen bearbeiten und – mutmaßlich, denn in diesem Medium gilt nicht die Schuldvermutung – mutmaßlich also Bruch des Datenschutzes und des Persönlichkeitsrechts – das reicht schon deutlich über das bloße Öffentlichmachen eines Flugblatts von 1987 hinaus. Um so merkwürdiger erscheint es deshalb, dass Graf 2018 kurz vor der damaligen Landtagswahl in Bayern schon einmal in einem Text von_ Focus Online_ auf seinen ehemaligen Schüler Hubert Aiwanger zu sprechen kam, allerdings in einem ganz anderen Duktus. Damals zitierte er ihn sogar lobend, weil der Wirtschaftsminister den Söderschen Raumfahrtehrgeiz nicht teilte.

„Franz Graf steht an diesem Donnerstagmittag in seinem Garten zwischen Avocadopflanzen und kleinen Feigenbäumen“ heißt es in dem Focus Online-Text: „Graf ist kein Freund der CSU. Früher war er Deutsch- und Lateinlehrer am Gymnasium in Mallersdorf-Pfaffenberg und eckte regelmäßig bei CSU-nahen Rektoren an. Er engagierte sich auch gewerkschaftlich und hielt Vorträge bei der SPD. Ein Parteibuch bei den Sozialdemokraten hat er allerdings nicht. ‚Das ist lächerlich‘, sagt Graf über das Raumfahrtprojekt und zitiert einen seiner ehemaligen Schüler, Hubert Aiwanger, heute Spitzenkandidat der Freien Wähler (FW). Aiwanger stammt aus Ergoldsbach, rund fünfzehn Kilometer von Mallersdorf-Pfaffenberg. Der FW-Chef hatte am Mittwoch gespottet: ‚Bayern soll erstmal die naheliegenden technischen Probleme unseres Wirtschaftsstandortes – wie Mobilfunklöcher und fehlendes flächendeckendes Internet – lösen, bevor wir die Staatskasse ruinieren und in den Weltraum abheben.‘ Dem schließt sich Graf an. Wie viel das Projekt gleich nochmal koste? 700 Millionen Euro. Das dient nur den Interessen der Rüstungs- und Raumfahrtindustrie‘, schimpft Graf. Er sieht es wie Aiwanger: ‚Für das Geld gäbe es bessere Verwendungsmöglichkeiten.‘“

Der Gymnasiallehrer a. D. spricht also mit einem Journalisten auch über Aiwanger, den Spitzenkandidaten der Freien Wähler 2018 – und er warnt mit keinem Wort vor dem Politiker, den er, Graf, ja schon damals für den Verfasser des Flugblatts hielt. Für ihn spielte also das, woran heute angeblich der gesamte Ruf Bayerns in der Welt hängt, nämlich der Inhalt der Aiwangerschen Schulmappe vor 35 Jahren, seinerzeit nicht die geringste Rolle. Was zu der Frage führt, ob er die Beschuldigungskaskade tatsächlich ganz allein auslöste oder ob ihn andere dazu drängten und ermutigten. Graf kandidierte auf kommunaler Ebene für die SPD, er unterhält auch gute Kontakte zur bayerischen SPD-Generalsekretärin Ruth Müller.

Die Süddeutsche wiederum machte in ihrem ersten Aiwanger-Text, der sich über drei Seiten zog und zusammengenommen nur einen Absatz an konkreten Belastungen enthielt, gar keinen Hehl aus ihrer Absicht, den Aufstieg Aiwangers und der Freien Wählern zu beenden. „Man sollte nicht mit dem Flugblatt anfangen, nicht mit dem ‚Vergnügungsviertel Auschwitz‘ und dem antisemitischen Wahnsinn“, heißt es gleich zum Beginn des Artikels. „Man sollte zweieinhalb Wochen zurückspulen, um zu begreifen, welche Welle dieser Mann gerade reitet. Und um die Wucht zu erfassen, mit der die Welle nun brechen könnte.“ An dieser Stelle muss kurz auf ein Detail hingewiesen werden, das bisher in den meisten Texten zu dem Fall unterging: Auch der frühere Lehrer kann weder bezeugen, dass Hubert Aiwanger das Flugblatt verfasste, noch, dass er es verteilte. Die gesamte – um den Ausdruck wiederzuverwenden – ‘Welle’ der Süddeutschen und ihrer verbündeten politischen Kräfte beruht darauf, dass der Pädagoge glaubt, Aiwanger sei Autor der Flugschrift gewesen.
Unmittelbar nach der Veröffentlichung merkten die politisch-medialen Jäger offenbar, dass ihr Gebäude selbst nach Maßstäben des verdachtschöpferischen Gewerbes auf einer sehr, sehr schmalen und wackligen Grundlage stand, zumal Hubert Aiwangers Bruder Helmut dann öffentlich erklärte, das Pamphlet geschrieben zu haben. Das muss natürlich niemand glauben. Andererseits muss auch niemand seine Unschuld beweisen. Jedenfalls nach den altmodischen Maßstäben.

Eine ganze Reihe von öffentlichkeitswirksamen Personen sahen die Sache mit der Unschuldsvermutung eh nicht so eng. Etwa die frühere Berliner Staatssekretärin, die vor kurzem in einem Interview erzählt hatte, dass sie als Jugendliche Juden hasste (allerdings nicht, wie sie beispielsweise noch 2018 einen Judenhasser herzlich zu sich nach Berlin einlud.) Sawsan Chebli jedenfalls verbreitete auf Twitter, was selbst die Journalisten der Süddeutschen nicht behaupteten. Für Chebli stand die Täterschaft Hubert Aiwangers fest. Und auch, dass er immer noch, also bruchlos seit 1987 „menschenverachtendes und rassistisches Gedankengut“ verbreiten würde.

Um dann gleich zur Critical Race Theory überzugehen:

Vorstellen muss sich das niemand; es genügt, sich erstens an die Tweets der heutigen Vorsitzenden der Grünen Jugend Sarah-Lee Heinrich über Rothschild, Juden und andere Themen zu erinnern und zweitens an die empörten Kommentare, die nicht Heinrichs Äußerungen galten, sondern dem Umstand, dass sie überhaupt jemand thematisierte.

Lang her, aus dem Kontext gerissen, man sollte niemandem Meinungsäußerungen aus einer Zeit vorwerfen, in der die Person noch minderjährig war, hieß es damals. Und überhaupt: vollste Soli.

Auch die Bundesinnenministerin, die bekanntlich für das Magazin einer linksradikalen Organisation schrieb (nicht mit 17), und die Arne Schönbohm, damals Chef des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, auf bloßen Verdacht hin abhören ließ (nicht vor 35 Jahren, sondern gerade erst), diese Ministerin jedenfalls hielt die Aiwangerschuld nicht nur mutmaßlich, sondern auch schon praktisch für bewiesen. Wobei sie, Profi mit juristischem Examen, eine weniger zu Klagen einladende Formulierung wählte als Chebli.

Aber nicht alle Beteiligten betreiben die Projektion so perfekt. Deshalb – also wegen der schmalen Faktenbasis – machten sich viele an eine Ausweitung der politischen Kampfzone. Im Bayerischen Rundfunk stellten sich Journalisten untereinander die Frage, warum Hubert seinen Bruder Helmut Aiwanger nicht am Schreiben des Flugblattes gehindert habe. Kurzum, der Vizeregierungschef hatte schon damals seinen Bruder nicht im Griff.
Andere machten mit Hilfe von alten, unverpixelten Schulfotos auf die Dimensionen des Oberlippenbarts im Gesicht des 17-jährigen Aiwanger aufmerksam. Wobei sich das Ganze bei genauerem Hinsehen als kleine Haaransammlung einerseits und dunkler Nasenschatten andererseits herausstellte.

Aber was heißt in diesem Fall ‚genauer hinsehen?‘ Sind Sie Präfaschist, oder was?
Der Merkur wirft außerdem die Frage auf, ob Aiwanger das Strafreferat tatsächlich hielt, das ihm das Lehrerkollegium damals aufbrummte. „Hat er geliefert?“ Falls nein, ist der Rücktritt jetzt wirklich unumgänglich.

Nach Auskunft des Gymnasiums in Mallersdorf-Pfaffenberg existieren zum ‚Fall Aiwanger‘ keinerlei schulische Unterlagen aus den Jahren 1987/88. Nach der geltenden Anklagelogik wäre damit bewiesen, dass er sich (das auch noch, zu allem Überfluss) vor der Sühneleistung drückte. In dieser Gemengelage setzte sich die Süddeutsche nun wieder an die Spitze, indem Chefredakteur Wolfgang Krach erklärte, es gehe nicht nur um die Breite des Aiwangerschen Oberlippenbarts von 1987, sondern noch nicht einmal darum, ob er das Flugblatt tatsächlich tippte. Also um genau das, was ihm die Zeitung vorgeworfen hatte.

„Aiwanger hat die Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit selbst gestiftet und Vertrauen zerstört – ob er das Flugblatt nun verfasst hat oder nicht“, so das Urteil von Krach: „Auf die Urheberschaft kommt es nicht mehr an, der Rest ist schon schrecklich genug.“
Das stimmt soweit. Allerdings vor allem bezogen auf die Süddeutsche. Bekanntlich hoben ihre Verantwortlichen nicht nur einmal antisemitische Karikaturen ins Blatt. Auch nicht nur zweimal. Weder war der zuständige Redakteur damals 16, noch der Grafiker, der Mark Zuckerberg als Mensch-Kraken-Mischung mit riesiger Hakennase zeichnete. Wenn es um Israel und antisemitische Demonstrationen in Deutschland geht, pflegt die „Qualitätszeitung Nummer eins“ (Eigenwerbung) sowieso seit Jahren ihren ganz eigenen Stil. Für die Zuckerberg-Karikatur Stürmerstil entschuldigte sich die Chefredaktion, im Fall anderer einschlägiger Zeichnungen äußerte sie ihr Erstaunen, dass sie jemand als antisemitisch auffassen könnte. Ihre unbeholfenen Distanzierungen erinnern verblüffend an die etwas mäandernden Stellungnahmen Hubert Aiwangers. Schon seine eigene jüngere, also nicht drei Jahrzehnte zurückliegende Geschichte hätte das Münchner Medium dazu bringen müssen, etwas vorsichtiger mit der bloßen Vermutung über die Jugendjahre eines Politikers umzugehen.

Das gilt in ähnlicher Weise auch für den größten Teil des Anklägerchors, der sich hinter und neben der _Süddeutschen _aufbaute.
Beispielsweise für den WDR-Redakteur Jürgen Döschner, der findet: „Nach 35 Jahren zählt antisemitische Haltung für Söder nicht mehr. Armselig!“. Vor nicht 35 Jahren, nämlich 2017, erwarb sich Döschner bundesweite Aufmerksamkeit, als er die Shoa mit dem Satz bagatellisierte: „Deutsche Automafia vergast jedes Jahr 10 000 Unschuldige.“

SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert stellte zur Causa Aiwanger fest: «Wir sind in Deutschland. Und wenn wir über Antisemitismus sprechen, dann ist hier allerhöchste Aufmerksamkeit geboten und niemand sollte ein taktisches Verhältnis dazu haben.“
Es sei denn, es handelt sich um die Jusos, die er bis 2020 führte: der Verein bezeichnet die Jugendorganisation der Fatah als „Partnerorganisation“; das Programm dieses Partners zeigt sich schon in seinem Logo, das nicht nur Westbank und Gaza, sondern ganz Israel in palästinensischen Farben zeigt.

Es muss nicht immer eine Israel- und Vergasen-Obsession sein. Sven Hüber, stellvertretender Chef der Polizeigewerkschaft GdP und Vorsitzender des Hauptpersonalrats der Bundespolizei, erklärte den Wissenschaftler Michael Wolffsohn, der die Kampagne gegen Aiwanger als heuchlerisch kritisierte, zur „jüdischen Randnotiz“.

Hüber wirkte vor 1989 als Politoffizier, Jugendinstrukteur und stellvertretender Kommandant im Treptower Grenzregiment 33, also unmittelbar an dem Bauwerk, das in der Sprache seiner Partei ‚antifaschistischer Schutzwall‘ hieß.
Gesundheitsminister Karl Lauterbach behauptete wahrheitswidrig, Aiwanger sei ein „radikaler Impfgegner“, um den argumentativen Bogen rückwärts zu schlagen: Wer sich nicht sofort impfen und boostern ließe, so seine Beweisführung, müsse wohl auch als Schüler ein bösartiges Flugblatt verfasst haben.

Bekanntlich manipulierte Lauterbach bei der Erlangung seiner Professur, er verbreitete die Lüge von der „nebenwirkungsfreien Impfung“ und verschleuderte Milliarden, indem er aus Geltungsdrang weitgehend wirkungslose und risikobehaftete Impfdosen bestellte, von denen schon zehntausende wegen Ablauf der Haltbarkeit auf dem Müll landeten.
Und was die Grünen betrifft, für deren Gesamtheit die bayerische Fraktionschefin Katharina Schulze verkündete, Aiwanger müsse entlassen werden, weil „schon der Anschein von Antisemitismus“ Bayern Schaden zufüge: Es lässt sich leicht nachlesen, dass 2022 weder Schulze noch ein anderer Spitzenvertreter Konsequenzen für ihre Parteifreundin Claudia Roth forderte, die das indonesische Wandbild auf der documenta 15 – das unter anderem einen Juden mit gelben Reißzähnen zeigte – erst einmal als legitimen Ausdruck des globalen Südens verteidigte und die Vorwürfe gegen die Kuratoren flott in die Rassismusecke zu schieben versuchte, ehe sie unter dem Druck der Verhältnisse die Kehre nahm und documenta-Chefin Sabine Schormann opferte, um sich selbst zu retten. Eine Konferenz im „Haus der Kulturen der Welt“, in der es auch darum ging, die Shoa zugunsten der Kolonialschuld wegzukontextualisieren, finanzierte das Amt der Kulturstaatsministerin anstandslos und auch keiner ihrer prominenten Mitgrünen fand etwas dabei.

Im wohlmeinenden Milieu Deutschlands herrscht erstens geradezu eine Besessenheit, wenn es um die Aufdeckung von lange zurückliegendem oder tief im Strukturellen verborgenen Antisemitismus an der richtigen Stelle geht, während das gleiche Milieu vor einem stürmermäßigen Wandbild in Kassel grübelt, ob es sich nicht um den Antikolonialismus edler Wilder handelt, so wie sie auch Demonstrationen mit „Scheiß Juden“-Rufen in Deutschland zur Israelkritik erklären. Und zweitens – auch dieses Muster weist über die Aiwanger-Kampagne hinaus – dient die moralische Beschuldigung Leuten als Angriffswaffe, die um jeden Preis vermeiden wollen, dass jemand sie an ihren eigenen Maßstäben misst.

Der Hinweis auf Immanuel Kant mag unter den akuten Verhältnissen verschroben klingen – aber ursprünglich sollte Moral einmal als Instrument zur Selbstprüfung dienen, als Maßstab für sich selbst im Verhältnis zu den Regeln, die jemand allgemein für gut heißt. Der entkernte und neu aufgefüllte Moralbegriff, der nie für den Moralrichter selbst gilt, wird zur Ressource zur Aburteilung von anderen. Auf dieser schräg gestellten und rhetorisch eingeseiften Ebene lassen sich nebenbei die Leichen aus dem eigenen Keller bequem ganz in die Tiefe versenken. Sehr viele Wähler in Bayern beschäftigen sich vermutlich nie mit Moralphilosophie. Aber sie erkennen das Manipulative und Heuchlerische dieser Übung besser als ganze Geschwader von Hauptstadtjournalisten. Beziehungsweise: Von denen erkennen es wahrscheinlich auch die einen oder anderen, halten es aber mit ihrem unbestechlichen Kennerblick für hohe politische Kunst.

Ein immer wiederkehrendes Versatzstück in der Aiwanger-Debatte lautet, das Flugblatt übersteige aber alles, was jemand den Anklägern heute vorwerfen könnte, es übersteige beispielsweise auch die Vorwürfe gegen Olaf Scholz in der Cum-Ex-Affäre und den Impfstoffkauf-Skandal von Ursula von der Leyen. Holocaust, Auschwitz – das sei schließlich eine ganz andere Dimension. Die Shoa und Auschwitz zweifellos. Aber doch nicht ein A 4-Blatt von 1987, auf dem etwas vom „Vergnügungsviertel Auschwitz“ steht. Bei der Gelegenheit: Manche bringen in der Debatte auch vor, die Flugschrift sei überhaupt nicht antisemitisch, schließlich erwähne sie ja keine Juden. Das ist unsinnig; ein Text, der von dem „Vergnügungsviertel Auschwitz“ und von einem „Freiflug durch den Schornstein“ spricht, muss das Wort ‚Juden‘ nicht erwähnen, um die Opfer der Shoa zu verhöhnen, ihr Leid lächerlich zu machen und damit eins der gängigsten antisemitischen Muster zu bedienen. Das Pamphlet ist abstoßend, das Zeugnis eines völlig unreifen und auch ziemlich beschränkten Geistes, es macht den Massenmord an Juden zum trivialen Stoff. Aber nur, weil es den Riesenbegriff „Auschwitz“ in diesem Sinn enthält, gewinnt es noch keine Riesengröße. Eine jedenfalls herkömmliche moralische Beurteilung misst etwas an Absicht und Wirkung. Das Flugblatt aus Mallersdorf bekamen 1987 offenkundig nur sehr wenige überhaupt zu Gesicht. So wenige jedenfalls, dass selbst ehemalige Schulkameraden Aiwangers erst jetzt davon etwas mitbekamen. Es entfaltete damals so gut wie keine Öffentlichkeitswirkung (sondern erst 2023). Es enthielt keinen Plan für irgendeine Tat. Kurz: Es bewirkte keinen konkreten Schaden.

Damit unterscheidet es sich grundlegend etwa von dem Wirken einer Anetta Kahane aka IM Victoria, die zu DDR-Zeiten andere bespitzelte, von einem Sven Hüber, der an einem Mauerregime mitwirkte, unter dem Hunderte erschossen wurden. Es unterscheidet sich auf eine andere Art von der falschen Unbedenklichkeitserklärung eines Lauterbach zur Corona-Impfung, von der Milliardenversenkung zu Gunsten von Pharmafirmen, von der höchstwahrscheinlich durch Olaf Scholz bewirkten steuerlichen Spezialbehandlung für die Warburg-Bank.
Das Klein- und Herunterreden antisemitischer Hassdemonstrationen in Deutschland bedroht ganz konkret Gesundheit und Leben von Juden in Deutschland und auch von Leuten, die für Juden gehalten werden.
Wer die akademisch beförderte Kontextualisierung der Shoa, also das strategische Kurzundkleinreden eines überzeitlichen Verbrechens, das aber nicht in die Theorie von der kollektiven Schuld des weißen Westens passt, ernsthaft für weniger gewichtig hält als das vergilbte Flugblatt eines niederbayerischen Schülers aus den Achtzigern, der besitzt keine ernstzunehmenden Maßstäbe oder wirft sie gerade über Bord. Denn bei dieser Übung, die hier in Rede steht, geht es um die wirkungsvolle Umschreibung von Geschichte. Hier betätigen sich keine 16-Jährigen. Es geschieht jetzt, 2013 ff. Und hier fließt Steuergeld.

Der Trick speziell der Aiwanger-Ankläger besteht in einer Vor- und gleichzeitig Rückprojektion. Zum einen imaginieren die Ankläger, er hätte 1987 ernsthaft kurz davorgestanden, das KZ Dachau wieder in Betrieb zu nehmen. Sie tun so, als wäre er mit 17 in eine klandestine Waffen-SS eingetreten und hätte ein paar Jahre später ein Gedicht darüber geschrieben, dass Israel den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet. Gleichzeitig bestehen sie darauf, alles, was er in seinem politischen Leben sagte, jetzt durch das Prisma der Flugblattgeschichte zu sehen. Wenn Aiwanger in seinem Erwachsenenleben nichts Rechtsextremistisches und Antisemitisches mehr äußerte, dann, so die logische Schlussfolgerung, verstelle er sich eben nur. Bei Twitter (und so ähnlich auch in etlichen Medien) steckt in dem ziemlich biederen Wirtschaftsminister ein nazistischer Schläfer, der nur auf seinen Aktivierungscode wartet.

Würde die funktionierende Presse nicht nur aus einigen wenigen Medien bestehen, sondern auch Sendeanstalten und Magazine umfassen, dann wäre der Gedächtniskünstler Olaf Scholz längst nicht mehr im Amt. Und Innenministerin Nancy Faeser stände gerade kurz vor Rücktritt oder Entlassung. Nicht, weil sie einen früheren Politoffizier der DDR-Grenztruppen auf einer wichtigen Position der Bundespolizei duldet. Auch nicht, weil sie als so genannte Verfassungsministerin demonstrativ auf die Unschuldsvermutung pfeift. Und schon gar nicht wegen bestimmter Phrasenabsonderungen, etwa, wenn sie die Entscheidung Söders, dem Wunsch des Berliner Kommentariats und aller anderen progressiven Kräfte nicht zu willfahren, sondern Aiwanger im Amt zu behalten, so kommentiert: „Herr Söder hat nicht aus Haltung und Verantwortung entschieden, sondern aus schlichtem Machtkalkül.“ Sondern, weil sie aus schlichtem, allerdings schlecht berechnetem Machtkalkül den Präsidenten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik Arne Schönbohm auf ein bloßes Gerücht hin absetzte. In seiner Sendung vom 7. Oktober 2022 behauptete Böhmermann, Schönbohm unterhalte über einen Verein Kontakt zu russischen Geheimdienstlern und bezeichnete den Sicherheitsfachmann als „Cyberclown“. Das Belastungsmaterial über Schönbohm wanderte, wie man hört, durch mehrere Redaktionen. Niemand griff es auf, es schien allen zu fadenscheinig – niemand bis auf den Grimme-Preisträger vom ZDF. Die bloße Behauptung Böhmermanns wiederum genügte Faeser schon, um den Mann von seinem Posten zu entfernen. Die Böhmermann-Vorlage kam ihr sehr gelegen. Es heißt, Schönbohm habe ihr in bestimmten Fachfragen widersprochen. Gegenüber einer inkompetenten Ministerin unterlässt man das lieber.

In den disziplinarischen Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Beschuldigungen gegen Schönbohm keinerlei Substanz besaßen (weshalb er das ZDF und Böhmermann auf 100 000 Euro Schadenersatz verklagt).
Das Grundmuster bei Schönbohm ähnelt bemerkenswert dem im Aiwanger-Süddeutsche-Fall. Selbst Faeser merkte, welchem dünnen Geraune sie aufgesessen war. Also ließ sie das Umfeld von Schönbohm abhören, um wenigstens im Nachhinein irgendetwas Belastendes in die Hände zu bekommen. Aber auch das ohne Erfolg. Das Vorgehen der Innenministerin erinnert sehr stark an die Abhöraktion gegen den Nuklearmanager Klaus Traube 1975/76 („Operation Müll“), den das Bundesamt für Verfassungsschutz damals ebenfalls aufgrund eines völlig haltlosen Verdachts belauschte. Der Skandal führte 1977 zum Rücktritt von Innenminister Werner Maihofer. Wie erwähnt: In einem Land mit funktionierender Presse müsste Faeser jetzt den gleichen Weg antreten.

In der vergangenen Woche endete noch ein anderer Moralgerichtshofs-Prozess, vorerst jedenfalls: der gegen den Rammstein-Sänger Till Lindemann. Die Berliner Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein, das sie übrigens ausschließlich aufgrund von Anzeigen unbeteiligter Dritter betrieben hatte. Was die angeblich beteiligten Zweiten betrifft, heißt es in der Mittteilung der Staatsanwaltschaft: «Mutmaßliche Geschädigte haben sich bislang nicht an die Strafverfolgungsbehörden gewandt, sondern ausschließlich – auch nach Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens – an Journalistinnen und Journalisten, die sich ihrerseits auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht berufen haben.» Soweit die Untersuchung der traditionellen Justiz. Im Moralgerichtsverfahren sahen die Zuständigen den Fall von Anfang an anders, und sie lassen sich auch von der Einstellung nicht im Mindesten beirren. Das ZDF widmete dem Skandal um angeblich erzwungenen Sex und angeblich heimliche Drogenverabreichung nach Rammstein-Konzerten eine angebliche Dokumentation („Rammstein – hinter der Mauer des Schweigens“), die keine Belege oder wenigstens Indizien für irgendetwas Strafbares zeigt, dafür aber wichtigtuerische Redakteurinnen, die auf ihren Laptops oder iPhones herumtippen und Interviews führen, die wie eine Journalistenparodie klingen. Beispielsweise schaffen sie es, zwei Rammstein-Fans aufzutreiben, die ihnen in die Kamera sprechen: Wenn die Vorwürfe gegen Lindemann zuträfen, dann wäre das wirklich schlimm. Irgendetwas Substanzielles weiß keiner beizutragen, den sie ansprechen oder anrufen. Eine düstere Stimme kommentiert diese missliche Situation aus dem Off: „Angst führt zu Schweigen.“ Die Möglichkeit, dass sich backstage nach Rammstein-Konzerten einfach nichts Kriminelles abspielte, scheint den ZDF-Spurenlesern offenbar so exotisch, dass sie den Gedanken noch nicht einmal pro forma erörtern.

Wie bei Aiwanger und Schönbohm teilt sich auch der Moralprozess gegen den Rammstein-Sänger in drei Akte. Im ersten Akt gibt es die Anschuldigung gegen eine Person, die schon vorher eine Markierung trug – bei Lindemann als irgendwie rechts und sexistisch (Peniskanone). Dann merken die Ankläger, wie wässrig ihre Suppe selbst für die Gutgläubigen wirkt. Also müssen sie wenigstens im Nachhinein noch ein bisschen Material organisieren. Gegen Aiwanger in Form der durchweg anonymen Berichte über Hitlergruß, „Mein Kampf“ und rassistische Witze. Bei Schönbohm per Lauschangriff. Und gegen den Rammstein-Sänger durch eine Art Fahndungsaufruf nach Belastungszeugen durch die Moralgerichtsermittlungsbehörde Amadeu-Antonio-Stiftung. Die nämlich sammelte Geld zur Unterstützung von Rammstein-Opfern, die es einfach geben musste, wenn auch nur im Verborgenen.

Immerhin kamen mehr als 800 000 Euro zusammen. Auf der Webseite der steuerfinanzierten Stiftung heißt es (noch immer):

„Wir unterstützen Personen, die…
…sexualisierte Übergriffe durch oder ähnliche missbräuchliche Situationen mit Till Lindemann oder anderen Bandmitgliedern von Rammstein erlebt haben
…Zeug*innen geworden sind von den genannten Vorfällen und sich dazu öffentlich oder im Rahmen eines Gerichtsverfahrens geäußert haben oder äußern wollen

Was hast du erlebt? Wann und wo?
In welcher Form war Till Lindemann oder Rammstein involviert?
In welcher Situation befindest du dich jetzt, was brauchst du?
Wie können wir dich in dieser Situation finanziell unterstützen? Wofür genau benötigst du finanzielle Unterstützung? Mit welcher Summe?
Hast du bereits Unterstützung durch einen Anwältin? Kannst du uns eine Darstellung des Falles sowie eine Kostenschätzung oder einen Kostenvoranschlag der Anwaltskanzlei zukommen lassen?
Hast du bereits psychologische Unterstützung? Kannst du uns eine Darstellung des Falles sowie eine Kostenschätzung oder einen Kostenvoranschlag derdes Therapeutinen zukommen lassen?
Wenn du diese Fragen bereits beantworten kannst, kannst du dich auch direkt an [email protected] wenden.“

Obwohl die von Kahane im merkelschen Geist geschweißte Fachorganisation also regelrecht mit Geldbündeln winkte, meldete sich bisher niemand. Zumindest nicht bei der Berliner Staatsanwaltschaft. Dass die alten Justizbehörden überhaupt immer wieder bei der Schuldfindung dazwischenfunken, gilt den wohlgesinnten Verfolgern als großes Übel, das noch seiner endgültigen Beseitigung harrt. Aber immerhin gibt es entschiedene Schritte, endlich mit dem ganzen Rechtsstaatsgetue aufzuräumen.
Beispielsweise von Daniel Drepper, der im NDR im Namen des Rechercheverbundes von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ausführt, die Einstellung der Ermittlungen gegen Lindemann sei nicht als „Unschuldsbeweis“ zu werten.

Die taz fragt, warum die wovon auch immer Betroffenen sich nur an die Medien und nicht an die Ermittler gewandt hätten.

Vielleicht, weil diese Medien gar kein Interesse haben, den Wahrheitsgehalt von Anschuldigungen zu ergründen, solange sie in ihr Narrativ passen? Und weil an Moralgerichtshöfen auch nie Anklagen wegen Falschbeschuldigungen drohen, wenn die Behauptungen den Richtigen treffen?

Bei_ t-online_ heißt es in einem Kommentar: „Den Betroffenen bleibt nur ein schwacher Trost: Lindemann, der auf der Bühne gern mit einem Riesenpenis posiert und in seinen Texten nicht mit frauenfeindlichen Gewaltfantasien spart, konnte mangels Anklage zumindest nicht ausdrücklich für unschuldig erklärt werden“. Diesen Begriff muss sich jeder merken, der in der neuen Ära zurechtkommen will: „Unschuldsbeweis“. Den kann bekanntlich auch ein Aiwanger nicht liefern, genauso wenig wie früher die Angeklagten in den Hexenprozessen. Also damals, als noch kein Rechtsstaat mit seinen ewigen Formalien störte.

Wenn die Aktion wider Erwarten der Moralrichter doch nicht zum gewünschten Ergebnis führt, nämlich zur Aburteilung des Betreffenden mangels Unschuldsbeweis, dann ist, um mit dem Chef der Süddeutschen zu sprechen, wenigstens „der Rest schon schrecklich genug“. Und es geht mit der nächsten Zielperson nach exakt dem gleichen Schema weiter. Um das Luhmann-Wort abzuwandeln: Es findet eine Delegitimation von Personen durch Verfahren statt. Als besonders schimpflich gilt es den Moralwarten, wenn auch noch die Bevölkerung versagt, indem sie nicht erwartungsgemäß den Daumen senkt.

Dass Aiwanger bleiben kann, weil in Bayern gerade Wahlen anstehen und der gemeine Wähler nicht über das gesunde Moralempfinden der Süddeutschen verfügt, zeigt ihnen wieder einmal, dass die Demokratie noch sehr gründlich durchtransformiert werden muss. Solange sich diese populistischen Verhältnisse nicht ändern, bleibt an Journalisten der Selbstvorwurf kleben, sie hätten sich nicht genügend angestrengt.

Damit, dass sie das bürgerliche Rechtsverständnis und selbst noch das Rechtsdenken eines aufgeklärten Monarchen wie Friedrich II. lustvoll in die Tonne treten, Journalisten Seite an Seite mit der Innenministerin und dutzenden anderen Politikern, demolieren sie die Gesellschaft unendlich stärker, als es das Flugblatt von Mallersdorf je gekonnt hätte. Das Seltsamste daran ist, dass sie offenbar keine Sekunde lang fürchten, die Praxis der Moralgerichtshöfe könnte sich jemals gegen sie selbst richten.

Dieser Text erscheint auch auf Tichys Einblick.

28 Kommentare
  • Joerg Machan
    5. September, 2023

    Ein getippter Text auf einem A4 – Blatt, welches verdeckt in einer Tasche steckt, erfüllt für mich nicht den Anspruch an ein «Flugblatt». Der Inhalt ist aus meiner Sicht Satire und beleidigt oder verletzt auch keine Menschen oder Gefühle, solange es nicht veröffentlicht wird. Offenbar hat die damalige Schule aber nur dieses eine Blatt in der Tasche gefunden und nicht mehrere Blätter an öffentlich zugänglichen Orten.

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  • Werner Bläser
    5. September, 2023

    Ich überlege: Ist es nicht eine geradezu hanebüchene Verharmlosung und Banalisierung von Antisemitismus, wenn man das Herumtragen eines ekligen Flugblattes (zu welchem Zweck auch immer) durch einen 16- oder 17jährigen Pennäler als «Antisemitismus» bezeichnet?
    Ist es nicht ein in jedem Fall sehr viel folgenreicherer Antisemitismus wenn man aktiv darauf hinarbeitet, hunderttausende von in der Wolle gefärbten Antisemiten ins Land zu holen?
    Ohnehin werden in Deutschland die Maßstäbe in grotesker Weise verschoben: Jemand, der Steine auf andere wirft und auf einen schon am Boden liegenden Polizisten einprügelt, der darf bei uns Aussenminister und Vizekanzler werden. Unabhängig davon, dass er praktisch keine Ausbildung hatte (was zur «guten grünen Tradition» geworden ist).
    Wenn Fischer Aussenminister und Vizekanzler wurde, kann dann der immerhin diplomierte Agraringenieur Aiwanger, von dem nicht bekannt ist, dass er Journalisten der SZ verprügelt oder mit Steinen beworfen hätte, wenigstens Kanzler werden?
    Fragen über Fragen…

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    • Rudi
      7. September, 2023

      Daß mit zweierlei Maß gemessen wird, ist mir auch klar. Aber was solls. Diese Kampagne hat den FW ja nicht geschadet. Und mal sehen, was auf den Lehrer und die SZ noch zukommt. Denn nach meiner Meinung war das wohl nicht alles ganz korrekt.

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  • Peter Meyer
    5. September, 2023

    Die Inquisition im Mittelalter war nicht vom Himmel gefallen. Die Muster wiederholen sich seit Jahrtausenden.
    Der alten Bundesrepublik wird es nun langsam bewusst, seit sie nach dem Untergang der DDR 1.0 zur Version 2.0 mutiert.

    Eine Erklärung nennt sich ‘fehlende Triangulierung’.
    Wenn vor Jahrzehnten der Bewohner der alten Bundesrepublik mit dem Negativ Beispiel DDR 1.0 in Kontakt kam, waren im Anschluss seine persönlichen, alltäglichen Entscheidungen freiheitlicher.
    Es betraf alle Bereiche seines Lebens, z.B. Medien, Justiz, Wirtschaft, Bildung, Politik, …

    Das fehlt nun alles und die Bewohner der alten Bundesrepublik folgen wieder den üblichen Mustern, die auch die Taliban, Nordkorea oder jede x-beliebige Sekte zusammen halten – in Kurzform: Gruppendenken.

    Da die Taliban oder Nordkorea als Negativ-Beispiel zu weit weg sind, bleiben nur die üblichen Konflikte, die jede x-beliebige Sekte mit ihren Ketzern hat, um irgendwann Fortschritt zu generieren – wie beispielsweise zu Zeiten der Inquisition.

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    • Werner Bläser
      6. September, 2023

      Völlig richtig! Man könnte auch in Anlehnung an Carl Schmitt sagen, uns ist das Feindbild abhanden gekommen. Oder sagen wir es weniger martialisch, das Negativbeispiel. Früher wirkte das abstossende Bild des Kommunismus limitierend auf die Attraktivität linker Ideen. Das fehlt – und jetzt ist «Polen offen» für jedwede Spinnerei und jeden Auswuchs. –
      Hinzu kommt vielleicht die obsessive deutsche Beschäftigung mit dem Nazismus. Der Antifaschismus ist selbstverständlich gut und notwendig, aber man sollte keine politische Idee fetischisieren. Das tut den Anhängern der Idee nicht gut – es verändert sie, und zwar zum Negativen.
      Wie Nietzsche schon sagte, wer zu lange Monster bekämpft, muss aufpassen, dass er nicht selbst zum Monster wird, oder, wer lange in den Abgrund blickt, vergisst, dass der Abgrund auch in einen selbst hineinblickt.

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  • Majestyk
    5. September, 2023

    Gibt es eigentlich irgendeine Denunziationskultur oder Einrichtung zur Gesinnungsüberwachung die nicht dem linken Spektrum entspringt? Eigentlich alles was das Zeitgeschehen bestimt, Migration, Gender, Klima, Feminismus, Diversität, LGBT kommt von links und wer dagegen aufbegehrt landet in der rechten Schublade ist dann Leugner oder Verweigerer. Gemeldet werden ja auch nur Verstöße gegen linke Projekte. Verkürzt könnte man also sagen, die Föderung von Denunziationskultur dient der Verteidigung linker Politik und der Verschleierung der Tatsache, daß die Linken den Staat erobert haben und nun den Staat und seine Institutionen nutzen um die Gegner mundtot zu machen und jegliche Gegenwehr zu unterbinden. Sehe auch keinen WIderspruch darin, daß andere Linke auch gegen den Staat oder die herrschende linke Kaste rebellieren. In jedem politischen Spektrum gibt es unterschiedliche Fraktionen. Das heutige Problem, die neue Gefahr totalitären Denkens hat seinen Ursprung und seine Wurzeln aber im Linksstaat und in linken Ideologien, wobei ich persönlich ja behaupten würde, daß eigentlich alle Ideologien linkem Denken entspringen.

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    • Werner Bläser
      7. September, 2023

      Der Konservatismus ist ideologiefeindlich. Schon Edmund Burke hat das dargelegt. Echter Konservatismus – im Gegensatz zu Faschismus – ist absolut pragmatisch, empiriebetont, den normalen Alltagsmenschen im Blick behaltend.
      «Visionen» (von denen unser Altkanzler Schmidt meinte, wer sie hat, sollte zum Arzt gehen) sind ihm fremd. Der Konservatismus ist keineswegs in das Alte per se verliebt – nur will er keine Neuerungen, die keine Verbesserungen sind und potentiell schaden könnten. Deshalb agiert er nicht nach grossen, unerprobten Theorie-Würfen, sondern in kleinen, vorsichtigen Schritten (Stichwort «disjointed incrementalism»).
      Man führt ja auch erst Medikamente im Markt ein, wenn sie mehrstufige klinische Erprobungen bestanden haben – aus gutem Grund. Aber in der Politik wollen viele Menschen Dinge einführen, deren Nutzen und Gefahrlosigkeit nur in ihrer Phantasie vorgestellt ist.
      Die konservative Haltung ist nicht mit intellektuellem Glanz und Gloria verbunden – weshalb «Intellektuelle» meist nicht konservativ sind – sie bevorzugen eben die «Visionen», mit denen sie unter ihresgleichen Furore machen können.
      – Ihre Vermutung, dass alle Ideologien linkem Denken entspringen, ist schwer zu beurteilen. Der Faschismus gilt als rechte Ideologie eo ipso. Aber eigentlich – siehe das Beispiel Mussolini und viele andere (Georges Sorel…) – sind die Begriffe rechts-links hier relativ bedeutungslos.
      Wenn heute von Nationalsozialismus die Rede ist, wird viel über Nationalismus, aber nicht über den damit verbundenen Sozialismus, gesprochen. Aus naheliegenden Gründen. Aber beides kann sehr innig miteinander verbunden sein (siehe Beispiel China – eine nationalistischere Regierung als die «Kommunisten» in Peking ist schwer vorstellbar – und manche Historiker, z.B. Mobo Gao, meinen, dass der Nationalismus von Anfang an subkutan in der chinesischen KP eine grosse Rolle spielte).
      – Eigentlich müsste man sinnvollerweise zwischen Theoretismus (oder Visionismus) und Pragmatismus in der politischen Auseinandersetzung unterscheiden.
      Das bedeutet: Je mehr Theoretiker (Sozialwissenschaftler, Theaterwissenschaftler, Literaturwissenschaftler, Pädagogen, und ähnliches…) es in einer Gesellschaft gibt, desto grösser wird die Verliebtheit in Theorien. Es fehlt ja schon das Wissen, um Praxisbezüge herzustellen.
      Diese grosse Zahl an Theoretikern kann man durchaus als Wohlstandskrankheit einer Gesellschaft begreifen. Aufstrebende ärmere Gesellschaften können sich das gar nicht leisten.

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      • Andreas Rochow
        8. September, 2023

        Danke für diese Verdeutlichung wesentlicher Begriffe, die im Ideenwettstreit und in der Ideologiepropaganda gern um ihre Semantik gebracht werden. Ihr überraschender Vergleich der sogfältig prüfenden und auf Sicherheit bedachten Pharmaindustrie mit dem Konservatismus hat mir gefallen. Ohne Frage war vor dem (zwangsläufig?) frühen Abgleiten in Faschismus und Barbarei der Nationalsozialismus in der öffentlichen und internationalen Wahrnehmung als “der bessere Sozialismus”, das «gute» Gegenmodell zur Sowjetdiktatur, verstanden worden. Je mehr ideologisch fanatisierte Intellektuelle und konformistische Medienleute die Chance wittern, ihre dystopischen und menschenfeindlich-antidemokratischen linken Visionen trickreich in realpolitische Aktion umsetzen zu können, desto höher ist die Bereitschaft der Politik, moralische Normen und den Rahmen des demokratischen Rechtsstaates zu verlassen. Dieser Prozess kann sich leicht zum bürgerkriegsartigen, Feuer aufschaukeln, wenn externe «Weltforen» und mächtige «Stiftungen» mitzündeln. Ich schätze diese Gefahr besonders hoch ein, weil der Marsch in den Wokefaschismus als Akt zur alternativlosen Gutwerdung inszeniert ist; Widerstand wird reflexhaft als amoralisch oder Menschenfeindlich abgetan werden. Ihre Aussage trifft zu: Unter den heutigen Sozialkonstrukteuren und theoretischen Vorkämpfern des Woke-Faschismus sucht man den Konservativen vergeblich.

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      • Majestyk
        9. September, 2023

        @ Werner Bläser:

        Die Welt wandelt sich eh, Wandel muß man nicht herbei führen. Für mich bedeutet konservativ sein gesellschaftlichen oder technischen Wandel möglichst reibungsarm zu moderieren. Links sind für mich jene die mit Druck eine Veränderung herbei führen wollen, gleich ob jene Veränderung von der Mehrheit der Menschen überhaupt angestrebt wird.
        Eigentlich ist der eigentliche Unterschied Evolution vs. Revolution.

        Was den Nationalsozialismus angeht, je mehr ich selber nachforsche, von der Überhöhung des Völkischen abgesehen waren das eindeutig Linke bzw. Sozialisten. Nicht umsonst wollten die auch einen neuen Menschentyp und mit der Umgestaltung der Wirtschaft sind die nur nicht fertig geworden. Ich halte aber auch die DDR, die ja auch mal gerne als letzter deutscher Nationalstaat betrachtet wird für einen nationalsozialistischen Staat in der Light Version, nur eben ohne Antisemitismus.

        Auf YouTube gibt es ein sehr interessantes Gespräch von Günther Gaus mit Konrad Adenauer, in dem Adenauer auf sein Verhältnis zu Kurt Schumacher angesprochen wird. Da sagt Adenauer, sie seien sehr verschieden gewesen, Schumacher sei Nationalist gewesen und er sei es nicht.

        Bestätigt mich aus meinem eigenen Erleben in der Jugend. Wir Arbeiterkinder bzw. auch unsere Eltern waren deutlicher nationaler oder patriotischer als die Bürgerlichen. Aus meinem Abiturjahrgang hat damals schon die Mehrheit eher verweigert, wenn sie nicht das Glück hatte ganz durchs Raster zu fallen, eigentlich ging nur eine Handvoll tatsächlich zum Bund und das waren ausnahmslos eher jene aus sehr einfachern Verhältnissen bzw. wo die Väter noch Arbeiter oder Handwerker waren.

        Ich denke auf das Nationale sollte man sich gar nicht so konzentrieren, auch nicht auf Militarismus oder Imperialismus. War man in der Sowjetunion etwa nicht patriotisch oder diese nicht sehr militaristisch?

        Die wichtigste Unterscheidung die ich mittlerweile wahrnehme, denkt man Gesellschaft vom Kollektiv her oder vom Individuum. Wenn man Gesellschaft nicht vom Kollektiv denkt, dann zwingt man dem Einzelnen keinen Willen auf, dann gesteht man dem Einzelnen seine freiheitliche Selbstbestimmung zu und bevormundet nicht.

        Und Bevormundung und Missionierung, das ist für mich ganz eindeutig links. Hinzu kommt, Linke oder Sozialisten betrachten nicht die Welt und suchen nach Lösungen für echte Probleme, sondern sie betrachten ihre Konstruktion von der Welt und die basiert überwiegend auf Wahrnehmungsfehlern.

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  • Albert Schultheis
    5. September, 2023

    Sehr geehrter Herr Wendt,
    das ist leider alles völlig richtig, was Sie vorbringen, nur, was sagt uns das über unser Land, über die Menschen, mit denen wir auf die Schule gingen, studierten, jahrzehntelang arbeiteten, Fußball spielten, …?
    Ich bin wahrlich kein Hellseher, aber 2014, nach dem Putsch in Kiew, sagte ich zu meiner Frau, es wird wieder Krieg in Europa geben, die wollen den Krieg, und es wären doch genug gefallen, versehrt in unseren Familien in den beiden ersten Weltkriegen. Dann kam der September 2015. Ich sagte damals 2016 meinen Kindern, da macht keiner was dagegen, das würde alles furchtbar enden. Als ich Ihnen erklärte, ich wäre bereit, für unser Land, unsere Heimat zu kämpfen und das ginge nur in der AfD, da sagten sie, «Papa, wenn du das machst, dann werden wir alle unsere Freunde verlieren.» Ich erwiderte: » Ja, da habt ihr recht, das würde so kommen. Deutschland ist so. Aber wenn ihr das ablehnt, dann kann ich nicht mehr hier bleiben. Ich kann nicht mit zusehen, wie die unser Land zerstören.» Ein Jahr später bin ich mit meiner Frau ins Exil gegangen, um uns eine neue Existenz aufzubauen. Wir nannten das Projekt unser «Arche Noah-Projekt», denn die Kinder sollten im Fall eines Krieges oder Bürgerkrieges bei uns Zuflucht finden können.
    Seit dieser Zeit versuche ich, Deutsche zu meiden, wo es irgend geht. Ich glaube, wir sind ein singulär toxischen Volk, toxisch von totalitärer Hyper-Moral besessen, toxisch narzisstisch, toxisch verblödet und infantisisiert. Ich arbeite daran, dass meine Kinder alle nacheinander dieses kranke Land verlassen. Zuerst müssen die Söhne raus, ich war noch überzeugter W15-Soldat in den frühen 70er Jahren, aber für dieses Land soll keiner meiner Kinder mehr den Kopf hinhalten.

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  • Andreas Rochow
    5. September, 2023

    Danke, verehrter Alexander Wendt, für dieses Beweisstück dafür, dass es guten, würdigen, kritischen Journalismus in Deutschland noch gibt. Er ist nicht verschwunden, sondern es gab im Staatsfunk und im Mainstream reichlich Fluchtgründe. Wer noch geblieben ist, hat sich des schnöden Mammons wegen entschlossen,ins Horn der Propaganda- und Cancellation Manager, Korrigierer und Zensoren zu blasen. Dazu muss man allerdings kein Journalist sein, nicht einmal ein guter. Es reicht, wenn man sich zu den links-grün-woken Aktivisten zählt, die nicht merken wollen, dass sie damit selbst zur rapiden Erosion von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit beitragen. Wahrheit und kritischer Menschenverstand sollen und dürfen, geht es nach ihnen, nicht mehr gelten.

    Im Fall Aiwanger-Flugblatt erlaube ich mir – einem DDR-Schüler der Mitte-Fünfziger- bis End-Sechziger-Jahre – eine psychologische Deutung, weil mir analoge Schüler-Lehrer Beziehungen in den Sinn kamen. Ich biete an: Der linke bis linksextreme Überzeugungslehrer Graf nervt die ihm ausgelieferten Schülern mit antifaschistischen Glaubensbekenntnissen und den vertrauten deutschen Schuldrefrains. Nicht jeder Pubertierende kann das aushalten, mancheiner hört weg, demonstriert Desinteresse, Unernst und ist nicht in der Lage, Betroffenheit und Schuld glaubhaft vorzuspielen. Unser linker Überzeugungslehrer nimmt das sehr persönlich, rügt und droht. Als Reaktion darauf entstand das paradoxe «Flugblatt», das eventuell gar kein Flugblatt, sondern nur eine anonyme Provokation an Lehrer Graf war. Es wurde ihm nicht zugestellt, es war der lohnende Fund einer Ranzenkontrolle, einer Aktion, die heute nur Polizisten mit entsprechendem gerichtlichen Auftrag durchführen dürfen. Er hat das Corpus delicti zu Recht archiviert, um es bei passender Gelegenheit als denunziatiorischen Sprengstoff gegen den unbotmäßigen Schüler zu zünden. Revolutionäre haben ein langes Gedächtnis und haben einen Blick für den «Klassenfeind». So ticken lernunfähige kommunistische Gesinnungstäter. Wer weiß, was der einsame und verbitterte Heckenschütze noch so im Köcher hat. Mein Traum: Der Staatsschutz bricht um halb sechs Grafs Wohnungstür auf, um auf seinen Computern, Smartphones und in seinem Erpressungsarchiv mal richtig aufzuräumen. (Ende der Phantasie.)

    Nun zu der Frage, die sich mir bei derartigen Geschehnissen immer wieder stellt: Weshalb jetzt, weshalb weltweit synchron (jedenfalls in den Demokratien) und wer steckt dahinter, wer organisiert das alles und wieso leisten die Institutionen der Bundesrepublik dem Treiben keinerlei Widerstand? Weshalb entsteht immer wieder der Eindruck, dass Staatsfunk und Mainstream ohne demokratisches Mandat die Gesellschaft «transformieren» und «reduzieren» wollen? Wo soll die Transformation enden?

    Die endlos proliferierenden «diskriminierten Minderheiten», beschäftigen uns mit bunten und diversen Bullshitnarrativen und zeigen uns, dass wir den «Neuen Weltordnern» nicht gefallen. Hass und Hetze gegen Nichtlinke ist der Kriegslärm dieser Inszenierung. Das friedliche Zusammenleben wird mit Propagandageschrei gestört. Es muss denunziert und gekänzelt werden. Die Sprache dieses Krieges ist jene des Great Resets. Die weltführenden Oligarchen haben sich mit den weltführenden Unternehmen zu einer Korruptions- und Kampfgemeinschaft verabredet. Klaus Schwab, der Pate dieser Mafia, die den Namen WEF trägt und in Davos ihren Stammsitz hat, will, dass wir alle» besitzlos aber glücklich» sind. Zur Legitimierung der völkerrechtswidrigen weltweiten Einmischung, Manipulation und Korruption haben sie die Wokeness erfunden. Vavik Ramaswami berichtet in seinem Buch «Woke, Inc.», dass er auf einer WEF-Konferenz in Davos bei der Geburt des Wokismus anwesend war. Ein Goldmann-Sachs-Oberer schlug den anwesenden Unternehmern vor, das Diverse in ihre Corporate Identity aufzunehmen. Der Erfolg war gigantisch. Inzwischen sind Schuhe vegan, Schokolade fair und Klopapier nachhaltig! Das war 2015. Das Sozial-Gutmenschliche hervorgehobene Komponente erwies sich als ein Knaller. Die Firmen verleihen ihren Waren brav Attribute, die zu Kampagnen passen, Weil sie sonst Nachteile fürchten. Die EU-Kommission ist dazu übergegangen, klima- und energiesensibilisierende Kennzeichnungen gesetzlich vorzugeben. Linke haben sich mit Superkapitalisten und Globalisten zusammengetan, weil sie wittern, mit deren Hilfe die marxsche Weltrevolution vollenden zu können. Das nehmen die im WEF verbündeten Akteure duldend in Kauf. Und niemand zuckt zusammen, wenn er merkt, dass Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat angesichts des tobenden linksgrünen globalsozialistischen Woke-Faschismus den Bach runtergehen.

    Der Biochemiker, Rechtswissenschftler und erfolgreiche US-amerikanische Unternehmer hat Vivek Ramaswami hat sofort deutlich gespürt, dass er als CEO jedes seiner Worte auf Wokeness checken musste. Weil er das nicht wollte, gab er den CEO-Posten auf, um sich publizistisch zu betätigen und ging in die Politik. Er steht bei den Republikanern auf Platz drei der Präsidentschaftsbewerber. Ramaswamis o.g. Buch ist ein überraschender Augenöffner. Wir können nicht auf ihn warten, er ist uns in seinen Analysen und Schlussfolgerungen weit voraus. Eine deutsche Übersetzung existiert noch nicht, es gibt aber noch eine Reihe von Verlegern, bei denen das woke-faschistische Hirngift abprallt. Menschen, die lesen und denken können und ihre Urteilskraft diskursiv trainieren, brauchen intelligenten Input und stärken damit ihre Widerstandskraft.

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    • Julius
      6. September, 2023

      Die Antwort auf Ihre Frage ist einfach, mit einer biblischen Formulierung: Alles hat seine Zeit. Vielleicht wird einmal ein Historiker in der Nachfolge von Toynbee, Huntington, Spengler – Reihenfolge zufällig, und sicher unvollständig – genauer sagen können, woran und warum die im engeren Sinn europäische Kultur/Zivilisation unterging. Kann mich auch nur schwer an diese Antwort gewöhnen…

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      • Andreas Rochow
        6. September, 2023

        Lieber Julius, ganz so resignativ will ich die Geschichte nicht abgetan wissen. Leider sind berühmte Geisteswissenschaftler selten an den Niederungen des Alltagslebens interessiert und an den herrschenden ideologischen Strömungen, die ja in Wirklichkeit antidemokratische Kampagnen sind. «Revolutionen» von oben, brachiale Umwälzungen per Erziehungdiktratur, «Resets», falsch übersetzt als Zeitenwende(n), ideologische Fremdkörper, die demokratische Gesellschaften gezielt zersetzen. Ich halte es deshalb für die vornehme Pflicht für alle, zuallererst Journalisten und Publizisten, akademisches Personal an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten, hier dringend intellektuellen Widerstand zu leisten. Und ich bin davon überzeugt, dass das Ringen um Antworten und «Therapie» sachlich und streitbar in den öffentlichen Diskurs einfließen muss. Ab spätestens heute.

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  • Skepticus
    5. September, 2023

    Als ich Ihren Bericht las, verehrter Herr Wendt, fiel mir bei allem politisch/journalistischen Übergriffen ein kluger Spruch von Shakespeare ein: «Die Holle ist leer, alle Teufel sind hier.» Wie verkraften Sie das Ganze, warum bloß sind alle Teufel hier? Wo ist der GESUNDE Menschenverstand geblieben? Ich dacht schon, das «Corona Desaster» würde (zumindest etwas) Klärung bringen, aber: «Die Hölle ist leer…»

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  • Oskar Krempl
    6. September, 2023

    Wir leben in aufregenden Zeiten, wo es zu einer kompletten Wesensveränderung der Gesellschaft kommt. Die überaus schäbige Obrigkeit hätte gerne eine Veränderung in Richtung Absolutismus, die demokratisch gesinnten Menschen mehr Mitspracherechte.
    Die Entscheidung ist noch offen und kann je nach Staat auch ganz unterschiedlich ausfallen. Aber zumindest im Fall Aiwanger scheint das Ganze sich als Rohrkrepierer zu entpuppen, weil immer mehr Menschen verstanden haben, daß die von der überaus schäbigen Obrigkeit subventionierten Bereichterstatter doch nur ein Teil der Lügenpressen bzw. des Lügenfunks sind.
    Somit bleibt noch immer die Hoffnung, daß im Falle Deutschlands noch nicht Alles verloren ist.

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    • Andreas Rochow
      6. September, 2023

      Sehr geehrter Herr Kempl, die vitale und wundervoll «oppositionelle» Rede des stellv. bayrischen Ministerpräsidenten auf dem Gillamoos 2023 hat mir klar gemacht, dass es sich um ein sehr kluges Täuschungsmanöver im Bayrischen Wahlkampf handelt. Das Oppositionsspiel des rhetorisch begabten Aiwanger richtet sich gegen die AfD! Aiwanger ist der einzige, der Wähler von der AfD zu den Freien Wählern oder gleich zur CSU zurückholen kann! Genau das hat ihm in der Affäre Lehrer Graf das politische Überleben gesichert. Geschickt eingefädelt. Und niemand wird bestreiten, dass in D gefühlte Mehrheiten auf derlei Täuschungen gern hereinfallen.

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      • Oskar Krempl
        8. September, 2023

        Sehr geehrter Herr Rochow,

        da ich weder Deutscher Staatsbürger bin, noch in Deutschland lebe, wäre es vermessen, wenn ich behaupten würde, ich wüßte über alles Bescheid.Ich bezweifle allerdings, daß der Hr. Aiwanger ein trojanisches Pferd der CSU ist.

        Natürlich ist eine Stimme für Aiwanger eine Stimme weniger für die AfD. Dies gilt aber für sämtliche Parteien, im gebenden wie auch empfangenden Sinn. Außerdem gibt es nach meinem momentanen Wissensstand die freien Wähler nur in Bayern.
        Es liegt aber an der wahlberechtigten Bevölkerung in Bayern zu entscheiden, wem sie ihr Vertrauen schenkt. Etwas was eigentlich ganz normal sein sollte in einer Demokratie und dazu gehört auch eine Auswahl an verschiedenen politischen Parteien, die bereit sind innerhalb dieses rechtlichen Rahmens zu agieren.

        Als außenstehender Beobachter gebe ich daher keine diesbezüglichen Empfehlungen ab, denn das steht mir nicht zu. Allerdings sehe ich sehr wohl die Versuche der überaus schäbigen Obrigkeit das Ergebnis in die gewünschte Richtung zu bringen (Änderung des Wahlgesetzes für die Bundestagswahlen, der Mißbrauch der jeweiligen Verfassungsschutzes der Bundesländer, «gekaufte» Medien, etc.)

        Eine wegweisende Entscheidung wird das Ergebnis der Lantagswahlen in Sachsen und Thüringen im nächsten Jahr sein.

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        • Andreas Rochow
          9. September, 2023

          Sehr geehrter Herr Krempl, ich kann Ihre Argumente gut nachvollziehen. Eine informierte, vorurteisfreie Außensicht ist immer hilfreich. Sie werden mir zustimmen, dass die Etablierung der FW die «konsevative» Parteienlandschaft gespalten hat; sie lebt als rel. neue Partei besonders von ambivalenten CSU- und AfD-Wählern. Eine Schwächung der FW brächte das Risiko, dass Wählerstimmen zur AfD abwandern. Die «Rettung» Aiwangers stabilisiert FW und CSU – dachte ich zumindest. Die Umfragen haben ein deutliches Stimmenplus für die AfD erbracht. Ich lag falsch, zum Glück. Beste Grüße

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  • Karsten Dörre
    6. September, 2023

    All diese von hohen politischen Posten verursachten Zwitschereien sind Ausgangspunkte vom Gesetz nicht abgedeckter Aktionen minderbemittelter bzw. benutzter Bürger (Follower) wie «Reichstagserstürmung» oder der Washingtoner Sturm auf das Capitol, Straßenkleber oder Ohrfeigen durch Straßenklebergegner. Wenn Politik nach Minuten eine Meinung hat, haben Bürger weitere fünf Minuten später die Überzeugung, die Politik wohlwollend im Rücken zu haben, wenn diese sich moralisch überheben, Fenster einwerfen, andere verbal bedrohen, die Kippa vom Kopf reissen, Univeranstaltungen sprengen usw. So einfach ist es, mittlerweile Politik zu betreiben. Man zwitschert und lässt dann machen. Die unterbelichteten Claquere bei Zeitungen und auf der Straße waren schon immer ungefragt Gewehr bei Fuß. Derweil werden ohne demokratisches Verfahren Gesetze durchs Parlament gepeitscht, die den Claqueren wie der Mehrheit der Bürger und Wirtschaft ordentlich in die Taschen greifen und den Betroffenen keinen Nutzen bringen. Man muss das Volk nur zu lenken wissen, «social media» sei Dank. Dann ist auch die Antwort klar, wieso viele unzufrieden mit Politik sind. Die Einen, weil die Politik sich degeneriert, die Anderen, weil das Politikergezwitscher keinen Pfifferling wert ist, wenn das Dampfgeplauder entlarvt wird. Das System wird von oben nach unten zerstört. Das westliche Freiheits-, Rechts- und Politiksystem löst sich von selbst auf: vornweg sämtliche lautstarke Demokratieverteidiger aus allen politischen Richtungen.

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  • Manfred Müller
    6. September, 2023

    Sehr geehrter Herr Wendt!
    Vielen Dank für diesen Artikel, erhellend wie immer. Aber machen Sie die Dinge nicht komplizierter als sie sind: die Moralgerichtshöfe (Danke für dieses Wort ! Klasse!) haben doch vor allem eine Aufgabe: nämlich folgende: ihre Helfer, die selbsternannten Richter, die Berichterstatter und Berufsempörten mit Beschäftigung zu versorgen. Für echte Recherchen, ernsthafter Analyse verborgener Zusammenhänge und möglicherweise daraus folgenden mögliche Anklagen, etwa in der ganzen Covid 19 Geschichte, fehlt es diesen Figuren doch an allen Vorrausetzungen. Als da wären: eine kritische Intelligenz, die Fähigkeit zu analysieren, die nötige Bildung, die Hartnäckigkeit im Nachdenken und Nachfragen. Diese Leute sind vor allem selbstgerecht. Für mich ist Herr Aiwanger seit dieser Flugblatt Geschichte einer der wenigen integren Politiker des Landes. Die woken MoralwächterInnInnen betrachten Herrn Aiwanger ja anscheinend als Intimfeind – er hat ja einige Eigenschaften die ihnen so bitter fehlen, eine solide Ausbildung, einen klaren Verstand, den Mut den grünen Irrsinn offen zu kritisieren. Zudem schmälert er mit seinen freien Wählern den Zugang der woken zu lukrativen Posten. Wenn also seine Feinde nach Jahren des gründlichen Suchen nichts anderes gegen Herrn Aiwanger vorbringen können als dass er vor 35 Jahren im Schulranzen ein unappetitliches Flugblatte hatte – dann ist der Mann sauber.

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  • Julius
    6. September, 2023

    Danke an Skepticus für das Shakespeare Zitat. Denke bei Figuren wie Frau M. und Co schon länger, daß es ab und zu einen temporären Auswurf der Hölle geben muss, damit es der Teufel selbst eine zeitlang besser ertragen kann. Und, wer die SZ (immer noch) abonniert hat, da bin ich mir sicher, der hätte auch beim NationalSOZIALISMUS gut und gerne mitgemacht.

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  • Andreas Rochow
    6. September, 2023

    Der Artikel über die Gerichtshöfe der Moral, die sich im Känzeln und Verurteilung von Unwoken, Nazis, vorkriminellen Sexisten, strukturellen Vergewaltigern, Irgendwas-Diskriminierern oder – ganz schlimm! – Leugnern übertreffen, versammelt Symptome einer offenkundigen gesellschaftlichen Fehlentwicklung mit großem Eskalationspotential. Es werden Richter und Gerichtete benannt und dezente Kritik an der Regierung und ihrem leichtfertigen Umgang mit Demokratie und Rechtstaatlichkeit geübt. Man muss alternative Kanäle, Vlogs, Blogs und Websites besuchen, um diese Erscheinungen so klar und sachlich beschrieben zu finden. Und wo Alexander Wendt draufsteht, ist zuverlässige, wahre, gut recherchierte Information und kultivierte kritische Reflexion drin.

    Dennoch lässt mich das Stück ratlos und unbefriedigt zurück. Ich habe das Wort “Symptom” ganz bewusst gewählt, weil ich als Arzt gelernt habe, dass die Diagnostik Symptome einordnet und erst die Ergänzung um relevante biografische und krankheitshistorische Daten (Anamnese) eine vorläufige Diagnose erlaubt. Weitere Beobachtung und ergänzende Untersuchungen führen schließlich zur gesicherten Diagnose. Dies alles erfolgt nicht zum Selbstzweck: Die geeignete und angemessene Therapie unter Vermeidung schädlicher Nebenwirkungen wäre ohne diesen Vorlauf nicht indiziert. Patient und Arzt wollen auch wissen, welche internen und äußeren Faktoren die Krankheit begünstigt haben. Im Rahmen dieses Prozesses baut der Arzt einen Erfahrungsschatz auf, den der ratsuchende Patient schätzt. Er kann helfen, durch Wissen eine prophylaktische Motivation zur Verhaltensanpasssung zu schaffen, damit Rückfälle vermieden werden und ein stabiler Therapieeffekt zustande kommt. Diäten oder das Aufgeben krankmachender Verhaltensweisen sind zweifellos hilfreich.

    Diesem eingeschliffenen Denkalgorithmus folgend, drängt sich mir nach Lesen der “Gerichtshöfe der Moral” die Frage auf: Warum geschieht das alles hier und jetzt und in der “westlichen Welt” quasi synchron? Und weshalb ist der demokratische Rechtsstaat nicht mehr in der Lage, zerstörerischen Fanatismus zu verhindern? Weshalb haben jahrzehntelange Re-Edukation und links-grüne Propaganda es nicht vermocht, das deutsche Volk zu einer pflegeleichten Herde gutmenschlicher Lemminge zu erziehen, die sich in politische Prozesse nicht mehr einmischen? Woher kommen die konfliktschaffenden Kampagnen, die die Gesellschaft spalten und als Überideologie sogar nachteilige Regierungsentscheidungen rechtfertigen sollen? Die das Risiko der Deindustrialisierung, der Verarmung großer Bevölkerungsteile und die Gefahr, in einen Weltkrieg hineingezogen zu werden, begeistert in Kauf nimmt. Diese Fragen zu beantworten, ist nicht die Aufgabe des Journalisten. Es genügt und ist vielleicht sogar ein Muss, sie zu formulieren. Anders kommt man nicht zur Diagnose. Denn jeder kann sehen: Deutschland ist wieder der kranke Mann.

    Darf der Leser im Kommentarbereich stellvertretend diese Fragen stellen, wohl wissend, dass er hier in einer Einbahnstraße steckt? Die Diskurskultur in D hat durch Einschüchterungskampagnen zweifellos arg gelitten. Der politische Pluralismus existiert praktisch nicht mehr. Staatsfunk und Mainstreammedien machen uns vor, wie das geht. Wagt man das “Unsagbare”, läuft man Gefahr, “eingeordnet”, isoliert und moralisch abgeurteilt zu werden. Dürfen die bedrohlichen, politisch gewollten, gesellschaftlichen Veränderungen überhaupt “bedrohlich” oder gar “therapiebedürftig” genannt werden? Oder ist man gleich Verschwörungsideologe, wenn man vermutet, dass Merkels “Große Transformation” (2011) und der “Great Reset” des WEF-Chefs, vorsichtig gesagt, etwas oder kausal mit unserem Problem zu tun hat? Ich richte meinen besorgten Blick auf die vom WEF in Davos ausgehenden weltweiten “woken” Kampagnen von Politik und Wirtschaft. Dort tagen schließlich mächtige Lobbyisten, Politiker, internationale Großunternehmen und Finanzdienstleister und basteln an einer Agenda, die unsere gesellschaftliche Gegenwart und Zukunft in hohem Maße beeinflusst. Ist es etwa nicht bedrohlich, wenn der Chef des WEF massive antidemokratische Maßnahmen propagiert und uns, wie einst Karl Marx, predigt, dass nur Besitzlosigkeit uns Menschen glücklich machen wird? Ist der Eindruck falsch, dass die Bundesregierung diese antidemokratischen Ansage eins zu eins und in einer nie dagewesenen Hektik durchziehen will?

    Hier endet mein Fragenkatalog. Ich bleibe auf der Suche nach Personen und Büchern, die zumindest Erklärungsversuche wagen. Der us-amerikanische Rechtswissenschaftler, Biochemiker und erfolgreiche Unternehmer Vivek Ramaswamy hat in seinem Buch “Woke, Inc.” (2021) den Begriff “Wokenomics” geprägt und führt plausibel aus, welche verheerenden Folgen für Gesellschaft und Demokratie es hat, wenn Superkapitalisten Image und Geschäftserfolg mit sozialem Engagement aufbessern und gleichzeitig der Politik diesen Wokismus als Werkzeug empfehlen, um Gesellschaften machtvoll zu kontrollieren. Multipliziert und synchronisiert wird das über Verabredungen im World Economic Forum. Widerspruch dagegen ist naturgemäß problematisch, weil “Wokeness” trickreich in der Verkleidung des ultimativen Gutmenschentums auftritt, in dessen Interesse auch Rechtsbrüche und moralische Gerichtshöfe „alternativlos“ sein können. Vivek Ramaswamy bewirbt sich an dritter Stelle als Präsidentschaftskandidat der US-Republikaner. Über seine Beobachtungen und daraus abgeleiteten Thesen lohnt es dennoch nachzudenken. Ein Verlag, der die deutsche Übersetzung betreut, hat sich meines Wissens noch nicht gefunden. Deshalb hier meine Übersetzung des Untertitels “Inside the Corporate Social Justice Scam”: Der Betrug der Unternehmen mit der sozialen Gerechtigkeit.

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    • alacran
      6. September, 2023

      Deutschland ist für diese «Transformation» besonders anfällig weil es von seinen Wurzeln getrennt und orientierungslos wurde. Alain Finkielkraut hat die möglichen Ursachen so beschrieben: «Wenn die Memorialkultur überwiegend an Verbrechen erinnert, dann wird der Bezug auf die kollektive Vergangenheit negativ, und dann entschwindet die Dankbarkeit gegenüber jeglicher vorangegangener Generation und verkehrt sich in Ablehnung!
      Geschieht das, dann kommt der Gegenwart die Orientierung abhanden und sie findet nur noch Halt in einem Hypermoralismus, der selbst keine Maßstäbe mehr hat!»
      Zur politisch motivierten Verkürzung der deutschen Geschichte auf 12 Jahre kommt hier noch die in Mode gekommene, einseitige Bewertung der Kolonialgeschichte, die noch weiter zurückliegt, durch «Aktivisten» und Profiteure und die absurde «critical race theory», die einer autochthonen Bevölkerung, sofern sie aus Kaukasiern besteht, quasi genetisch determinierten Rassismus unterstellt. Die Erklärung warum dann hunderttausende in ein Land migrieren, in dem sie rassistisch diskriminiert werden, liefern zeitgeistkonform Expertinnen wie Prof.N.Fouratan, die Deutschland per se zu einem freien Siedlungsgebiet erklären!
      Den vom WEF ausgebrüteten «Young Leadern» ( «Junge Führer» wäre eine mögliche Übersetzung und ein Treppenwitz mit Bezug auf Schwab), und auch allen anderen WEF Adepten sollte man keine! politischen Ämter anvertrauen, wenn man dem Traum vom souveränen Staat anhängt! Sieht man sich dieses Spinnennetz der Verbindungen an, bleibt allerdings kaum noch jemand übrig den wählen kann.

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  • alacran
    6. September, 2023

    Das «Neue Süddeutschland» versucht sich an der Zersetzung des politischen Gegners. Wie das meiste, was aus der grünroten Blase kommt, noch stümperhaft und einer STASI 2.0 nicht würdig! Aber das wird schon! Als der Bruder Aiwangers nationalistische Anwandlungen bekam und dieses eklige Flugblatt (Volksverräter usw.) wohl für Satire hielt, war er ein 16 jähriger dummer Junge. Viele Linke dagegen, von den notorischen Teilnehmern des inoffiziellen Wettbewerbs im IQ-Limbo abgesehen, hatten in weit fortgeschrittenerem Alter so große Vorbilder wie den «Eisernen Felix», Lenin, Trotzki, Mao und Che Guevara. Wie man bis heute an ihren Reaktionen sieht, haben sie einige von deren Weisheiten im Umgang mit Oppositionellen verinnerlicht. Erinnert sei an das kleine rote Buch mit vielen praktischen Regeln, die das Zusammenleben in einer Volksrepublik vereinfachen, wie etwa: «Bestrafe einen, erziehe hundert!» Ein Teil des praefaschistischen* deutschen Restvolks (*Canberk Köktürk, Online Redaktion des ZDF Magazin Royale) ist allerdings noch widerspenstig und belohnt Aiwangers Partei, die «Freien Wähler», mit einem Anstieg von vier Prozentpunkten bei Wahlumfragen.

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  • A. Iehsenhain
    6. September, 2023

    Wenn sich solcherart Paralleljustiz – entsprungen aus dem Milieu von Show und Scheiße, mit freundlicher Unterstützung der entsprechenden Parteibüros – in dieser Penetranz weiter so durchsetzen sollte, ist es nicht mehr weit bis zur Einführung der Scharia in Deutschland. Ist die finanzielle (und allem Anschein nach erfolglose) Aufdringlichkeit einer Kahane- AAS im Fall Lindemann am Ende der Versuch, von viel zu viel Vereins-Geld etwas loswerden zu wollen, weil sonst langsam Rechtfertigungsprobleme für das Bunker-Konto von IM Viktoria entstehen könnten? Wohl zu optimistisch gedacht, „Das Verfahren ist eingestellt…Vergessen Sie’s“, wie es 1971 in einem alten italienischen Knastfilm mit Franco Nero treffend heißt. Nur für die hier genannten drei Prügelknaben nicht. Anbei – wäre doch originell, wenn Lindemann „in Wuppertal eine Herren-Boutique“ mit Rammstein-Mode eröffnen würde. Wie da wohl die Schlagzeilen ausfielen?!
    Im Fall Aiwanger hält man es bei der Süddeutschen Zeitverschwendung anscheinend z.B. mit Katharina Schulze von den Grünen, die in ihrem hysterisch rotgekeiften Gesicht bereits die kommende Wunschkoalition für Bayern abbildet. Vielleicht dann mit Franz Graf, der auf Fotos wie eine zeitgenössische Version von Prof. Abronsius (ohne Schnauzer) aus „Tanz der Vampire“ aussieht, nachdem der ungewollt den Vampirismus auf der ganzen Welt verbreitet hat. Womit man am Ende bei Nancy Faeser landet, die unliebsame Mitarbeiter verschleißt, um ihren „Gefahr von rechts“- und Minoritäten-Fetischismus bedienen zu können. War vielleicht zuletzt ihrer Gesundheit abträglich, so dass sie einer Anhörung bezüglich Schönbohm, zu der sie eingeladen war, fernbleiben musste. Böse Zungen behaupten, sie schwänzte zugunsten eines hessischen Wahlkampf-Interviews, auch von Corona war die Rede. Am Ende hatte sie aber womöglich Haken-Kreuzschmerzen, die von ihrem persönlichen Masseur Jan Böhmermann erfolgreich behandelt wurden…

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  • Albert Schultheis
    8. September, 2023

    Liebe/r alacran,
    Die Finkielkraut’sche Erklärung der Entwurzelung der Deutschen und deren Orientierungslosigkeit infolgedessen erscheint mir sehr überzeugend. So habe ich mich immer gefragt, woher kommt diese tiefe Abneigung , der Ekel vor einer «stink-normalen» kleinbürgerlich- bürgerlichen Existenz? Warum muss es für einen «gebildeten» Deutschen immer nur das Außergewöhnliche, das Hypertrophe sein? Unterhalb der Hypermoral geht gar nix! Das ganze Überkandittelte fing wohl an mit dem Beginn der Moderne, deren Gegenentwurf der «Spießbürger» war, das kleinkarierte Bürgertum. Daraus konnte man nur ausbrechen, um ungeheure, unerhörte Dinge zu tun – der moderne Tabubruch war geboren, um aus der miefigen Gesellschaft auszusteigen, um dann auf veredeltem Niveau wieder in dieselbige einzusteigen. Nach dem 12-jährigen Mückenschiss wurde dieser Gestus von den «68ern» und ihren Epigonen noch einen, zwei Drehs weitergesponnen! Der totalitäre Bruch mit der schuldbeladenen Vätergeneration musste radikal vollzogen werden, aber schon bald reichte auch das nicht mehr aus, denn es war ja der «alte weiße Mann», die kaukasische Rassenschande, die ab da nur noch in der Flucht ins ultimativ Totalitäre gesühnt werden konnte, egal, es blieb nur noch die äußerste Zuflucht in die totale Moral, das totale Klima, Zero-Covid oder die totale Entgrenzung der Nation, die wiederum mit einer totalen Entgrenzung der grundlegenden Begrifflichkeiten wie Mama, Papa, Bub und Mädchen, Tochter und Sohn, Mann und Frau hingenommen werden konnte. Und jeder, der sich dieser radikalen «Transformation ins Totalitäre» widersetzte, wurde den Spießbürgern, den Populisten, den Nazis zugeordnet und war damit endgültig aus der sektenartigen Gemeinschaft der einzig «Woken» ausgeschlossen. Damit war er/sie/es zum Untermenschen abgestempelt, der einfach nicht mehr als relevant zu gelten hatte und in folgedessen nach Belieben gemobbt, ge-cancelt, belogen und betrogen und bis hin zur körperlichen Auslöschung durch Anwendung von brutalster Hammer-Gewalt behandelt werden durfte. Das nannte sich «Kampf gegen Rechts» – gemeint ist ein Bürgerkrieg gegen alle, die sich dem Woke-ismus verweigern.
    Aber so kann man nicht leben! Das ist nicht nur unmenschlich, das ist krank! Krank machend, eine toxische Verstiegenheit im höchsten Grade. Eine Perversion des Denkens, für die es kein Antidot gibt. Deutschland schafft sich nicht nur ab, es macht sich selbst zum Opfer eines selbstmörderischen Mind-Fucks.

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  • SJ
    12. September, 2023

    Sehr guter Artikel, für den ich danke. Den folgenden Teilsatz finde ich jedoch problematisch:

    «ein Text, der von dem „Vergnügungsviertel Auschwitz“ und von einem „Freiflug durch den Schornstein“ spricht, muss das Wort ‚Juden‘ nicht erwähnen, um die Opfer der Shoa zu verhöhnen»

    Das sehe ich anders. Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Warum, nach der Zielrichtung des Flugblattverfassers: Soll wirklich die Shoah für legitim erklärt, gar ihre Fortsetzung gefordert werden, oder strebt hier jemand mit allem Aplomb eines verzweifelten Pubertierenden den größtmöglichen verbalen Tabubruch um des größtmöglichen Schockwertes an? Ich denke, da kann es eigentlich nur eine Antwort geben: Es soll schockiert werden, auf Teufel komm raus und um des Schockierens willen.

    Es spielt vielleicht auch ein anderes Verständnis für die Funktion von Witz mit hinein, als wir es heute bei öffentlich-rechtlichen Gesinnungsschranzen wie Oliver Welke und Jan Böhmermann und damals – ganz rechtschaffen bieder – bei Dieter Hildebrandt und Seinesgleichen fanden. Es machte sich seit den Siebzigern – und übrigens von der Linken kommend – ein scharfer, zynischer, grenzüberschreitender Witz breit, wie ihn in Frankreich ein Reiser und Wolinski pflegten und in Deutschland die Titanic adaptierte. Einen oft geschmacklosen Witz, der ohne gute Gesinnung und diskursfördernde Absichten auskam und eigentlich nur um der Entgrenzung des Denkens und Empfindens willen existierte.

    In dieser Art stellte die «Titanic» in ihrer Rubrik «Briefe an die Leser» vor einigen Jahrzehnten sinngemäß die kokett-obszöne Frage (ob an Politiker, Schriftsteller oder Journalisten, weiß ich leider nicht mehr): Na, wer von Euch traut sich als Erster, das Wortspiel mit «Auschwitz» und «ausschwitzen» zu machen?» Dass es Björn Höcke und Karl Lauterbach sein würden (letzterer wohl nur wegen einer Rechtschreibschwäche), wissen wir heute. Damals aber war ein historischer Erkenntnisgewinn so wenig beabsichtigt wie eine Relativierung der Shoah.

    Ich mag mich ganz und gar irren, aber ich sehe in dem jugendlichen Verfasser dieses in der Tat geschmacklosen Flugblatts keinen Antisemiten, sondern einen zynischen Rebellen gegen genau jenen selbstgerecht instrumentalisierenden Moralismus, wie Sie, Herr Wendt, ihn in diesem Artikel so vortrefflich analysieren.

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  • Jürg Rückert
    14. September, 2023

    Das ist guter Journalismus!

    Trüffelschweine?
    Ein deutscher Held der Gegenwart ist, wer braunen Kot entdeckt und lärmend darbietet: „Seht nur, was ich ausgegraben habe! Empört euch mit mir.“ Er kann auf Beifall rechnen.
    Ernst Jünger sprach in seinem Pariser Tagebuch von bekannten Literaten, aber geheimen Feinden des Regimes, die der „Held“ der Geschichte, das „Trüffelschwein“, ausgeschnüffelt hatte. Vermutlich fühlte Jünger sich selbst unterm Auge des „Oberförsters“.
    Der treibende Impuls für das Flugblatt dürfte der Wunsch gewesen sein, einfach „die Sau im Heiligtum anderer rauszulassen“.

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Original: Moralgerichtshöfe, Unschuldsbeweise und der sowieso schreckliche Rest

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