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Politik, Gesellschaft & Übergänge

Der grüne Hauptmann von Köpenick

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Das Greentech Festival in Berlin zeichnete den Erfinder Jeremiah Thoronka für seine Grünstrom-Geräte in Sierra Leone aus. Fragen dazu beantworten weder er noch die Festival-Jury. Der junge Mann trat zwar schon bei der UNESCO und im Vatikan auf, aber niemand in der Fachwelt kennt seine angeblich bahnbrechende Innovation. Wenn es den gewieften jungen Mann nicht schon gäbe – ein Romanautor müsste ihn erfinden

Von Alexander Wendt / / politik-gesellschaft / 25 min Lesezeit

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Als Jeremiah Thoronka, 23, am 14. Juni 2023 die Bühne des Greentech Festivals auf dem stillgelegten Flughafen Tegel in Berlin bestieg, gekleidet mit einer schwarz-weiß gestreiften Tunika, um seinen Preis als Erfinder eines revolutionären Energieerzeugungssystems in Empfang zu nehmen – einen goldenen Würfel mit seinem aufgedruckten Namen – absolvierte er nicht sein Öffentlichkeitsdebüt.

Hinter dem jungen Mann aus Sierra Leone lagen zu diesem Zeitpunkt schon eine Reihe von Ehrungen, darunter der mit 100 000 Dollar dotierte Global Students Award, Auftritte bei der Climate Overshoot Commission, bei der UNESCO und ein Besuch bei Papst Franziskus in Rom im Mai 2022.

„Dieser Preis bezeugt die Kraft des kollektiven Handelns und der Hingabe an die Nachhaltigkeit und des Eintretens für das Klima“, schrieb Thoronka später auf Facebook. „Diese Reise ist weit davon entfernt, vorbei zu sein.“ In der Pressemitteilung des Greentech Festivals betreffs der Preisverleihung heißt es zur Begründung der Vergabe des Green Awards an Thoronka: „Jeremiah war 17, als er ein spezielles Gerät erfand, das die Vibrationen von Fußgängern und Verkehr an belebten Straßen auffängt und in Elektrizität umwandelt. Mit nur zwei Geräten versorgt sein Start-up Optim Energy mittlerweile mehrere Schulen und Haushalte in Gemeinden in seinem Heimatland Sierra Leone kostenlos mit Strom.“

Auf der Webseite von „The Index Project“, die ein Video über Thoronka enthält, gibt es eine etwas genauere Angabe: „Mit nur zwei Anlagen liefert diese Start-up-Lösung kostenlose Elektrizität für 150 Haushalte mit 1500 Bürgern, wie auch für 15 Schulen, die mehr als 9000 Schüler besuchen.“ (“With just two devices, this start-up solution provided free electricity to 150 households comprising around 1,500 citizens, as well as 15 schools where more than 9,000 students attend.”) In dem Video erzählt Thoronka von seiner Herkunft aus einer armen Familie, spricht über den Energiemangel in Sierra Leone und sagt Sätze wie: „Zugang zu Energie ist ein Menschenrecht“. Über irgendwelche Details seiner beiden Stromerzeugungsanlagen verliert er kein Wort.

Hier beginnen die Fragen und Probleme, die allerdings nicht so sehr Thoronka selbst betreffen, sondern die Organisatoren des Festivals in Berlin, speziell seine Juroren. Und darüber hinaus auch alle anderen, die den Mann aus Sierra Leone innerhalb weniger Jahre zu einer Berühmtheit machten. Denn bei einem „speziellen Gerät, das Vibrationen auffängt und in Elektrizität umwandelt“, wie es auf der Greentech-Seite heißt, handelt es sich um eine piezoelektrische Konstruktion. Die Piezoelektrik, auch Piezoeffekt genannt, ist seit über 140 Jahren bekannt. Im Jahr 1880 entdeckten die Brüder Jacques und Pierre Curie, dass bestimmte Kristalle elektrische Ladungen erzeugen, wenn man sie komprimiert, also zusammendrückt. Technische Anwendungen des piezoelektrischen Effekts gibt es seit vielen Jahrzehnten. Allerdings, und zwar aus Gründen, um die es gleich gehen soll, nicht zur Stromerzeugung für Haushalte. Die oben genannte Webseite, die Thoronkas Firma Optim Energy erwähnt, bestätigt ausdrücklich, dass es sich bei den beiden Anlagen in Sierra Leone um zwei kleine piezoelektrische Kraftwerke handelt. Zum einen wirft das die Frage auf, worin genau Thoronkas Erfindung besteht, für die er den Preis in Berlin und andere Ehrungen erhielt. Aber damit beginnen die Unklarheiten erst. Denn weder auf dieser Webseite noch auf der Seite des Greentech Festivals findet sich auch nur der kleinste Hinweis darauf, wo genau die beiden erwähnten Anlagen stehen und welche elektrische Leistung sie erzeugen; weder ein Bild von ihnen noch eine erklärende Grafik und auch sonst nicht die kleinste technische Information.

Überhaupt, so zeigt sich bei der Recherche zu Thoronka und Optim Energy, scheint es sich bei dem Erfinder um ein bemerkenswertes Phänomen zu handeln: Zwar existieren viele Fotos und Informationen zu seinen Auftritten rund um die Welt, aber fast der gesamte Fundus stammt entweder aus dem PR-Bereich der Organisationen, die ihn eingeladen hatten – die UNESCO, das Clean Growth Leadership Network, das Greentech Festival – oder von Thoronkas Facebook-Seite. Der Seite des Global Teachers Prize zufolge ist Thoronka Fellow der Millennium Fellowship des United Nations Academic Impact, außerdem einer der vom WWF benannten „Top 100 Young African Conservation Leaders“. In Fachpublikationen kommen weder er noch seine Innovation vor. Vor allem – dazu gleich noch mehr – kennt ihn offenbar niemand in der Gemeinde der Wissenschaftler, die seit Jahren zu Piezoelektrik forscht.
Wer also ist Jeremiah Thoronka?
Vor dieser Frage soll es noch kurz um das Greentech Festival gehen, die Bühne, auf der sich Mitte Juni Thoronkas Deutschland-Auftritt abspielte. Hier beginnen auch die Recherchen von Publico zu dem in der Fachwelt unbekannten Erfinder.

Bei dem Greentech Festival, kurz GTF, handelt es sich nach eigenen Angaben um „Europas größtes Nachhaltigkeitsfestival“, ein Unternehmen, für das sich 2018 der Formel-1-Rennfahrer Nico Rosberg, der Gründer des Zustellungsdienstes Pin AG, Marco Voigt und der Unternehmer und Berater Sven Krüger zusammentaten. Später kam das Staatsunternehmen Deutsche Bahn als Gesellschafter dazu. Laut Selbstbeschreibung, will das GTF als „Plattform für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft“ dienen. Das Bundeswirtschaftsministerium, dessen Seite das Festival bewirbt, beschreibt die Veranstaltung als „Mischung aus einer Konferenz, einer Ausstellung und diversen Attraktionen, die grüne und nachhaltige Entwicklungen erleb- und erfahrbar machen sollen“. Minister Robert Habeck steuerte in diesem Jahr eine Rede bei; die frühere Greenpeace-Funktionärin Jennifer Morgan, heute Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, kam vorbei, um einen Preis zu überreichen. Der private Veranstalter, die Greentech Show GmbH, strebt danach, den jährlichen Treff von Unternehmern, Politikern und NGOs zu einer internationalen Marke zu machen; GTF-Ablegerveranstaltungen finden mittlerweile auch in Singapur und Los Angeles statt. Massen will das GTF nicht anziehen: Der All-Inclusive-Pass für drei Tage kostet 1664,81 Euro, ein begrenzter Zweitages-Zutritt immerhin noch 474,81 Euro. Die konkreten Nachfragen zu dem Preisträger Jeremiah Thoronka gestalten sich dann aber doch etwas schwieriger, als man es sich bei einer politisch-wirtschaftlichen Veranstaltung im Premiumbereich vorstellt.

Die Fragen des Autors begannen bei der Pressemitteilung, die, siehe oben, Thoronka als Erfinder bezeichnet, dann aber im Zusammenhang mit ihm eine Technik nennt, die sich seit Jahrzehnten im Einsatz befindet. Der Umstand, dass die Recherche keinerlei technische Daten zu den beiden Anlagen in Sierra Leone zutage fördert, steigert die Neugierde noch ein bisschen. Vor allem aber gibt es ein Problem technischer Natur: Sollten Thoronkas Angaben auch nur halbwegs zutreffen, er könne mit zwei Anlagen dieser Art 1500 Menschen und 15 Schulen mit Strom versorgen, dann müsste ihm eine Entdeckung gelungen sein, die das gesamte Fachgebiet der Piezoelektrik völlig auf den Kopf stellt. Was erst recht die Frage aufwirft, warum kein Fachmann und kein Fachartikel davon weiß.

Für Presseanfragen an das GTF stehen zwei Adressen zur Verfügung. Auf die Mail an eine Sprecherin kommt die automatische Antwort zurück, sie sei auf dem Festival unterwegs und nur eingeschränkt erreichbar. Daneben kümmert sich noch die Agentur Krug Media um die Anliegen neugieriger Journalisten. Christian Krug, Ex-Chefredakteur des Stern, heute im PR-Geschäft, verspricht, die Fragen möglichst schnell zu beantworten. Eine Mitarbeiterin schickte dann aber nur eine Mail mit dem Link zu der Webseite „The Index Project“ und meint, dort sei die Funktionsweise von Thoronkas Anlagen doch „anschaulich beschrieben“. Was nur bedeuten kann, dass sie die Seite selbst noch nie richtig angeschaut hat. Sonst hätte ihr auffallen müssen, dass das eingebundene Video zu Thoronka nur den piezoelektrischen Effekt ganz allgemein schildert, so, wie es auch Wikipedia und einschlägige Fachbücher tun, zu Standort, Größe und Leistungen seiner beiden Geräte aber wie gesagt nicht den kleinsten Hinweis liefert. Publico schickte auch entsprechende Fragen an Thoronka selbst. Und zwar, da es keinerlei Webseite für seine angebliche Firma Optim Energy gibt und sich auch sonst keine Kontaktdaten zu dem vielreisenden jungen Mann auftreiben lassen, als Nachricht via Facebook. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Erfinder antwortet nicht.

Mehrere Fragen gingen auch an den WWF-Manager und Juror Sebastian Tripp. Denn zum einen zitiert ihn das GTF mit seinem ausdrücklichen Lob für Thoronka. Zum anderen gibt es eine Verbindung zwischen den beiden, zumindest ideell, da Thoronka wie erwähnt zu den 100 führenden WWF-Botschaftern in Afrika gehört. Publico möchte von Tripp wissen, ob er die elektrotechnischen Anlagen in Sierra Leone gesehen hat (oder ob andere Jury-Mitglieder sie inspizierten), beziehungsweise, ob der für den Green Award nominierte 23-Jährige irgendeine technische Dokumentation vorgelegt hatte. Tripp beantwortet die Frage nicht selbst, sondern reicht sie an Nils Hollmichel weiter, „Head of Research & Politics“ des Festivals. Hollmichel schreibt:

„In der Kategorie Youngster suchen wir für die GREEN AWARDS speziell nach jungen Personen, die einen Beitrag für den Umweltschutz leisten, was sich sowohl auf bereits geleistetes als auch auf das Potenzial bezieht. Wichtig ist uns besonders, dass die Person eine Vorbildfunktion übernehmen kann und junge Menschen zum Engagement für Umwelttechnologien und -schutz begeistert.
Wir haben die Anlage von Jeremiah nicht vor Ort besichtigt. Im Rahmen unserer Jurysitzung mit 55 Jurymitgliedern wurde Jeremiah per Videocall zu neuen und alten Projekten interviewt.“
Die Publico-Nachfrage, ob die Jury von Thoronka konkret technische Daten zu seinen Anlagen abforderte und ob sie jemanden mit Kompetenz auf dem Gebiet um eine Einschätzung bat, ob eine angebliche Versorgung von 1500 Anwohnernund 9000 Schülern mit Piezoelektrik überhaupt im Bereich des Realistischen liegt, bleibt unbeantwortet.

Und damit kommt der Text zu dem oben schon angedeuteten technischen Problem. Aus guten Gründen gibt es nirgendwo piezoelektrische Kraftwerke zur Versorgung von Haushalten und Schulen. Denn die Kompression von Kristallen erzeugt nur elektrische Ladungen im Kleinstbereich. In aller Regel liegt das, was Elektrotechniker „Erntefaktor“ nennen, hier bei einigen Milliwatt. Für Piezoelektrik gibt es deshalb ein interessantes aber relativ schmales Anwendungsfeld, hauptsächlich in der Druckmessung und -Sensorik. Bei der Messung dient die erzeugte Ladung als Signal, das sich in einen Messwert umwandeln lässt. Bei Tintenstrahldruckern beispielsweise beruht die Drucksteuerung der Düse auf Piezoelektrik, auch bei der Einspritztechnik mancher Verbrennermotoren. Viele dürften die Technik auch vom Piezofeuerzeug kennen, das per Druck einen kleinen elektrischen Impuls produziert. In der Medizin erzeugen kleine piezoelektrische Elemente im Körper durch Bewegung den Strom für Herzschrittmacher – sie laden also die Schrittmacher-Batterie gewissermaßen aus des Patienten eigener Kraft. Piezoelektrik findet sich überall dort, wo es nicht auf die Erzeugung größerer Energiemengen ankommt – in der Regelungstechnik und bei sich selbst versorgenden Kleinsystemen.

Daneben gibt es auch mehr oder weniger spielerische Anwendungen der Piezoelektrik. Etwa in der starkfrequentierten Shibuya-Station der U-Bahn von Tokyo: Dort dient die Bewegungsenergie der Menschenmenge – täglich im Schnitt 2,4 Millionen – dazu, einige LED-Leuchten zu betreiben. Eine erwachsene Person erzeugt mit ihrem kinetischen Druck etwa 0,1 Watt. Wirtschaftliche Bedeutung in der Stromerzeugung besitzt die Anlage nicht. Darüber hinaus finden sich noch die einen oder anderen Tanzflächen in Diskotheken. Auch hier wandelt sich der Druck der Füße in Strom für einige verbrauchsarme LED-Leuchten um.

Wie beurteilen Fachleute die Behauptung, dass irgendwo in Sierra Leone zwei piezoelektrische Anlagen tausende Menschen mit Strom versorgen? „Sehr unplausibel“, meint Michael Beckmann, Professor für Energieverfahrenstechnik an der TU Dresden, den Publico fragt. „Der Erntefaktor dieser Geräte ist sehr gering. Ich kenne sie vor allem aus der Druckmessung.“ Theoretisch sei es natürlich möglich, mit sehr ausgedehnten Anlagen auch Haushalte zu versorgen. „Aber da stünde der Aufwand in keinem vernünftigen Verhältnis zu dem Ergebnis – zumal piezoelektrische Elemente nach einiger Zeit verschleißen.“ Publico legt den Fall auch Professor Rüdiger Ballas vor, Prodekan an der Wilhelm-Büchner-Hochschule Darmstadt. Ballas gehört zu den Spezialisten für piezoelektrische Anwendungen. „Piezoelektrik findet ihre Anwendung in kleinen Systemen, wo kleine Energiemengen benötigt werden“, so Ballas. Anlagen, die mit Bewegungsvibrationen von Fußgängern und Fahrzeugen 150 Haushalte mit 1500 Menschen und 15 Schulen versorgen? „Das halte ich für utopisch. Ich sehe darin keinerlei physikalische Sinnhaftigkeit“, so das Urteil des Wissenschaftlers. Denn es sei ja nicht damit getan, die kleinen elektrischen Ladungen einfach nur abzuzapfen. Sie müssten erst einmal aufwendig zwischengespeichert werden, um einen konstanten Stromfluss zu erzeugen, ohne den sich wiederum keine elektrischen Geräte betreiben lassen. „Und das“, so Ballas, „kann in diesen Größenordnungen kein Mensch bezahlen.“ In der Tat: Schon kleine industriell gefertigte piezoelektrische Platten von einigen Zentimetern Länge und Breite kosten mehrere hundert Dollar.

Um auf dieser Basis sinnvolle Stromversorgungsanlagen bauen zu können, so der Professor, „müsste er die Leistungsfähigkeit des Materials schon auf unvorstellbare Weise verbessert haben. Aber dann würde man ihn in der piezoelektrischen Community auch kennen.“ Der Name Jeremiah Thoronka sage ihm aber nichts. Alles in allem, meint der Experte: Um das zu bewerkstelligen, was er angeblich gebaut haben will, „müsste er schon zaubern können“.
In der Greentech-Jury fragte sich offenbar niemand, warum jemand im armen Sierra Leone zur Stromversorgung nach eigenen Angaben ausgerechnet auf eine Methode setzt, die sehr hohe Kosten mit minimaler Stromausbeute kombiniert. Hunderte Haushalte und tausende Schüler per Piezoelektrik zuverlässig mit Strom zu versorgen wäre ungefähr so effizient und sinnvoll wie der Versuch, Granitblöcke mit der Nagelfeile in Form zu bringen. Ganz nebenbei ergibt sich daraus auch die Frage nach dem Geschäftsmodell von Thoronkas angeblichem Start-up Optim Energy. Denn nach Angaben des Greentech Festivals verschenkt er den Strom an die glücklichen Abnehmer.

Wie kam Jeremiah Thoronka überhaupt auf die internationale Bühne? Seinen großen Moment erlebte er am 10. November 2021, als er den mit 100 000 Dollar dotierten Global Students Prize gewann – für ebenjene piezoelektrischen Anlagen, die auch das Festival in Deutschland 2023 preiswürdig fand. Damals studierte Thoronka an der Universität im britischen Durham. Der australische Schauspieler Hugh Jackman, der ihn als Gewinner ausrief, sagte damals ein paar Worte, wie sie bei solchen Anlässen üblich sind – ein etwas wolkiges, begeistertes Lob, ohne ins Detail zu gehen: „Du hast einen enormen Unterschied für deine Community und weit darüber hinaus gemacht“. Eine ganze Reihe von britischen Medien berichtete danach über den Gewinner. Aber es findet sich nur ein prominenter Medienbericht aus der Zeit vor der Preisverleihung über Thoronka und seine Wunderanlagen in Sierra Leone – ein Text der britisch-niederländischen freien Journalistin Isabelle Gerretsen vom 27. Juli 2021 für die BBC: “How pedestrians are lighting homes in Sierra Leone”.
Aus dem Text geht nicht hervor, ob Gerretsen in Sierra Leone Thoronka traf und ob sie die Anlagen selbst gesehen hatte. Eine entsprechende Beschreibung enthält ihr Text nicht, auch kein Foto von der Technik. Illustriert ist der Beitrag mit dem Foto einer abendlichen Straßenszene, die irgendwo in Westafrika spielen könnte. Eine Anfrage von Publico an Gerretsen nach den Grundlagen ihres Textes bleibt unbeantwortet. Dass sie die beiden Kleinkraftwerke tatsächlich besichtigte, wirkt angesichts ihrer Formulierungen jedenfalls unwahrscheinlich. So heißt es etwa, die piezoelektrischen Elemente befänden sich „unter dem Asphalt“. Dort könnten sie die kinetische Energie aber gar nicht aufnehmen. „Optim Energy betrieb ein erfolgreiches Programm in Thoronkas lokalem Gebiet, Kuntoluh“, schreibt Gerretsen: „Mit der Nutzung von zwei Anlagen war das Start-up in der Lage, 150 Haushalte mit 1500 Menschen und 15 Schulen mit über 9000 Schülern kostenlos mit Strom zu versorgen.“ _(“Optim Energy ran a successful pilot programme in Thoronka’s local area, Kuntoluh. Using two devices, the start-up was able to provide power free-of-charge to 150 households, made up of 1,500 people, and 15 schools, with over 9,000 students. The community was incredibly receptive to Thoronka’s solution and were happy to switch their dirty power supply for a cleaner, more efficient option.“)
_Ihr Beleglink an dieser Stelle führt zu der Seite des Commonwealth Youth Award: der zufolge gewann Thoronka den Regionalpreis für Afrika für seine Energieerzeugung «mit einer bezahlbaren und sauberen innovativen Methode», die nicht näher ausgeführt wird. Es bleibt unklar, warum Gerretsen für ihren Text die Vergangenheitsform wählte. Könnte es sein, dass der Commonwealth-Regionalpreis und dieser BBC-Beitrag den Ursprung des gesamten Phänomens Jeremiah Thoronka bilden?

Im und am Klima- und Nachhaltigkeitsgeschäft kritisieren Journalisten und Aktivisten schon länger, es sei zu weiß und westlich. Ein selbstloser junger Produzent von Sauberstrom aus Westafrika – diese Story über den schwarzen Prinzen der guten grünen Lüfte wirkt offenbar einfach zu gut, um sie kaputtzurecherchieren. Wie das historische Urbild sagt auch der moderne grüne Hauptmann von Köpenick vor allem etwas über das Milieu, das ihn bedingungslos anerkennt. Welche Sehnsucht nach einer solchen Figur und derartigen Geschichten besteht, zeigte sich auch in dem mittlerweile legendären Tagesschau-Beitrag von 2022 über den Technik-Wundertäter aus Simbabwe, der einen stromerzeugenden Fernseher erfunden haben sollte. Der scheiterte allerdings von vornherein an der Schulbuchphysik, anders als Thoronkas Kraftwerke, die durchaus möglich wären, wenn jemand unbedingt Unsummen für eine Stromausbeute bezahlen wollte, die sich mit allen anderen Technologien zu einem Bruchteil der Kosten erzielen lässt.

Jedenfalls führen die Anfragen von Publico an das Greentech Festival augenscheinlich nicht dazu, dass sich in Berlin Manager und Juroren wenigstens im Nachhinein um irgendeinen Beleg für die Existenz der Thoronka-Piezokraftwerke bemühen würden. Oder ex post ins Grübeln geraten, warum das Unternehmen Optim Energy noch nicht einmal über eine eigene Webseite verfügt, obwohl es laut Thoronka bis 2030 „100 000 Menschen“ in Sierra Leone erreichen will – was immer „erreichen“ hier bedeutet. Ein etwas distanzierter Beobachter könnte sich auch fragen, wie Thoronka es schafft, neben seinen rastlosen Auftritten im hochtourig um sich selbst brummkreiselnden globalen Irgendwas-mit-Nachhaltigkeit-und Klima-Zirkus noch ein Start-up zu führen. Aber möglicherweise heißt das Produkt seiner Ein-Mann-Firma ganz einfach: Jeremiah Thoronka. In diesem Fall wäre er tatsächlich brillant. Und gewiefter als dutzende kleine und große Fische im Grüngeschäft zusammen.

Unter den Preisträgern des Greentech Festivals befand sich auch jemand, der in Berlin für sein Lebenswerk geehrt wurde: der Co-Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung Johan Rockström. Den Preis durfte er aus der Hand von Staatssekretärin Jennifer Lee Morgan entgegennehmen. Einer größeren Öffentlichkeit wurde Rockström bekannt, als er 2019 in einem Tagesspiegel-Interview behauptete: „In jedem Steak stecken 70 Liter Erdöl“. Dass bei diesen angeblichen Energiekosten von fast 30 Euro jeder Supermarkt beim Steakverkauf Verlust machen würde, fiel erst einmal keinem in der Redaktion auf. Auch nicht der bunte Strauß weiterer Falschbehauptungen Rockströms über den Fleischkonsum in Deutschland. Als ein Journalist seine bizarren Zahlen auseinandernahm, ruderte er zurück.
Im gleichen Jahr zitierte der Guardian Rockström mit dem Satz, bei einem globalen Temperaturanstieg um 4 Grad sei es „schwierig, sich vorzustellen, wie wir eine Milliarde Menschen oder auch nur die Hälfte davon ernähren können“. Dieser Satz, in dem Rockström den Klima-Tod von Milliarden vorhersagte, diente vielen radikal Klimabewegten etwa bei „Extinction Rebellion“ als wissenschaftlicher Beleg für den globalen Notfall. Als der Autor Michael Shellenberger („Apokalypse, niemals“) Rockström fragte, wie er zu der Behauptung käme, antwortete er, das sei offenbar ein Missverständnis bei Guardian gewesen: Er habe nicht von einer, sondern „acht Milliarden, vielleicht auch nur die Hälfte“ gesprochen. Erst durch Shellenbergers Frage sei ihm das Falschzitat überhaupt aufgefallen. In seinem Buch stellt Shellenberger fest, dass allerdings auch keinerlei Belege für den bevorstehenden Klima-Hungertod von vier Milliarden Menschen existieren.

Dem Lebenswerk-Preis schadeten Rockströms wilde Behauptungen ganz offensichtlich nicht. Er bewegt sich nicht auf der gleichen Ebene wie Thoronka. Aber auf einer ähnlichen. Beide Phänotypen spielen eine wichtige Rolle in der Arena der Weltretter, dort, wo Geld- und Aufmerksamkeitsökonomie aufeinandertreffen. Der Betrieb braucht beide, um weiter zu rotieren. Was er dagegen am allerwenigsten benötigt, ganz im Gegenteil, wäre ein Elektroingenieur in der Jury.
Um Jeremiah Thoronka zu zitieren: Die Reise ist noch weit davon entfernt, vorbei zu sein.

Das Unternehmen Pavegen, dessen Installation in London in dem Text beschrieben wird, weist darauf hin, dass ihre Kacheln, die Strom aus kinetischer Energie gewinnen, nicht auf Piezoelektrik, sondern auf dem elektromagnetischen Prinzip beruhen. In mehreren Texten, die auch den Gründer von Pavegen zitieren, wird das anders dargestellt. Der Sprecher des Unternehmens Paul Price teilte Publico mit, dass diese Artikel auf einem Missverständnis beruhen, und Pavegen zu Beginn die Ressourcen zur Richtigstellung fehlten. Wir korrigieren deshalb den Text auf Wunsch von Pavegen in diesem Punkt, der aber die eigentliche Recherche zu dem Greentech Festival und Jeremiah Thoronka nicht berührt.

An dieser Stelle sind stattdessen zwei andere Beispiele zur begrenzten Anwendung von Piezoelektrik angeführt.

Redaktion

Dieser Text erscheint auch auf Tichys Einblick.

10 Kommentare
  • Joerg Machan
    21. Juni, 2023

    Wenn jemand einem Betrüger eine größere Summe aus Steuergeldern etc. zukommen lässt, ohne den Anlass vorher gründlich zu überprüfen, dann ist das meiner Meinung Betrug am Spender / Steuerzahler.
    Vielleicht stecken die aber auch unter einer Decke und machen halbe-halbe?

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  • Oskar Krempl
    21. Juni, 2023

    Sehr geehrter Herr Alexander Wendt,

    herzlichen Dank für dieses sprachlich wiederum gelungene Dokument menschlichen Irrsinns. Je größer die Not, desto mehr treiben die Hochstapler verschiedenster Art ihr Unwesen.
    Ich denke die Versorgungsfähigkeit dieser beiden Kleinkraftwerke liegt in der völligen Abstinenz elektrischer Verbraucher auf Seiten der Abnehmer begründet.
    Was kümmert Dogmatiker die Realität? Die steht nur im Wege und wird daher entsprechend ignoriert. Mit dem herandämmerenden Abschied der BRD als Industrieland wird dieser Unsinn allerdings ein rasches und plötzliches Ende nehmen.

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  • Volker Christoffel
    21. Juni, 2023

    Sie sind ein elender Spielverderber und vermutlich ein latenter Rassist! Mit Ihren quengeligen und subversiven Nachfragen gefährden Sie Verantwortungsloser die woke Welt- und Klimarettung.
    Es ist zum Fremdschämen, wie gering das naturwissenschaftliche Wissen von Juroren + Journalisten ist. Milli oder Mega? Ach was! Hauptsache, ein rassistisches Fach wie Mathematik wird endlich im Abitur gestrichen.
    Schön gewählter Titel!

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  • Motan
    21. Juni, 2023

    Ich wurde ja seinerzeit durch den Steak/Erdöl – Artikel zu einem Bewunderer von Herrn Wendt. Der immense Fleiß, der in seinen gründlichen Recherchen steckt, beeindruckt mich immer wieder! Und auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht. Mit dem ARD-Bericht über den stromerzeugenden Fernseher, so dachte ich, sei der Gipfel der Blödheit erreicht. Denkste! Die menschliche Dummheit hat die Erderwärmung längst überholt.

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  • oldman
    21. Juni, 2023

    In einer Welt, in der bezahlte Sendungsbewusste ( früher hätte man gesagt «nützliche Idioten» oder ganz nüchtern » Irre» ) das Informationsbedürfnis der Masse befriedigen, kommt halt so etwas heraus.

    Und Journalisten, die diesen Namen verdienen, gibt es im Mainstream leider nicht mehr. Ende Gelände.

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  • Werner Blaeser
    21. Juni, 2023

    Dieser ausgezeichnete junge Mann befindet sich in einer altehrwürdigen Tradition.
    So wurden etwa bei uns in Europa im Mittelalter gelegentlich auch Tiere vor Gericht gestellt; die Anklagepunkte reichten von Sachbeschädigung bis Mord. Von den üblen Hexen, die ganze Ernten verdarben und Krankheiten verursachten, brauche ich nicht zu sprechen.
    Im westafrikanischen Benin, in das die qualifizierteste deutsche Aussenministerin aller Zeiten die berühmten Bronzen zurückgeliefert hat, war noch im vorletzten Jahrhundert klar, dass die Ahnen nur mit Menschenopfern zufriedengestellt werden können. Deshalb gab es nach übereinstimmenden Berichten von Reisenden vor den Städten dieser Region Felder, wo die bestialisch zu Tode gebrachten Opfer, meist Sklaven, massenhaft vor sich hin faulten und stanken.
    Sie werden sich fragen, was hat das mit dieser Auszeichnung zu tun.
    Ganz einfach, wir befinden uns auf dem Weg zurück ins finstere Mittelalter. Ratio wird durch blinden quasi-religiösen Glauben ersetzt. Und der zeitigt die bizarrsten Auswüchse.
    Männer und Frauen gibt es nicht – die Geschlechter sind wählbar? Deutschland rettet das Weltklima? Wärmepumpen sind das Allheilmittel für Klimawandel? Aus dem Süden wandern Ärzte und Physiker ein?
    Wir sind im Prozess der Talibanisierung Deutschlands. Da muss einen nichts, aber auch gar nichts mehr wundern. Machen Sie sich auf alles, wirklich ALLES, gefasst.

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  • Manfred Müller
    21. Juni, 2023

    Sehr geehrter Herr Wendt, und das «sehr geehrter» ist keine Floskel, große Klasse! Vielen Dank!
    «Was immer Deine Hand, Deine Lende und deine Zunge auch tut:
    Am Ende des unwissend beganngenen Wegs liegt nur Dunkelheit
    Wie glücklich diejenigen die Licht in das Dunkle des Denkens bringen. »
    mfG M.M

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  • Alex Pfaff
    22. Juni, 2023

    Vielleicht hilft dieser Link weiter:
    https://www.thecommonwealth.io/innovator/jeremiah-thoronka/

    ,,Jeremiah Thoronka is the founder of ‘Optim Energy’; a company that harnesses solar energy through innovative technology to create affordable, accessible and clear power for communities in Sierra Leone.»

    Offensichtlich bietet Optim Energy Strom aus Photovoltaikanlagen an und verbindet dies mit ,,innovativer Technologie» (was auch immer das heißen mag.

    Ein Unternehmen und ein junger Mann, die sich für die Stromversorgung einer Region via PV einsetzt, wo dies auch durchaus sinnvoll möglich ist, ist durchaus zu begrüßen, nur ist ein Engagement hinsichtlich PV-Ausbau nicht wirklich innovativ und etwas besonderes, international preiswürdiges.

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  • Thomas
    23. Juni, 2023

    Komisch, komisch

    Danke für diese Info!
    Ich spiele gerne auf meiner ollen Takamine EN – 20. Die hat Piezoelektrische Tonabnehmer, sieht so aus und klingt so:
    https://www.youtube.com/watch?v=xAZZ-N8-6M4

    Donnerwetter!
    Ich wusste wirklich nicht, daß die pfiffigen Grünländer
    https://www.youtube.com/watch?v=9xS_yd4NfO8
    da Steckdosen einbauen und damit ihre Bullerbüs beleuchten. Meine Güte, was mich das über die Jahre gekostet hat. Ich bin ja doof. 🙂 🙂

    Herzlichen Dank für diesen Hinweis.

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  • Ron
    24. Juni, 2023

    Für so etwas gibt es auch den Begriff Hochstapler.

    Geschäftliche Basis von Hochstaplern ist immer die Dummheit von denen, die betrogen werden. Wenn man sich ein bißchen mit Physik auskennt, hat man vielleicht schon einmal von diesem Energieerhaltungsgesetz gehört … die Energie, die ein System «erzeugt», muß vorher irgendwie hinein gekommen sein. Hier stammt die Energie angeblich von den Fußgängern.

    Nun weiß aber jeder, der schon mal auf einen Fahrradergometer gesessen hat, daß man mit viel Mühe vielleicht 200 – 300 Watt für relativ kurze Zeit erzeugen kann, eine Dauerleistung von 100 Watt von einer Person ist komplett unrealistisch.

    Mit noch etwa mehr Physikkenntnissen sollte man ahnen, daß der Piezo-Effekt als solcher schon einen sehr schlechten Wirkungsgrad bei der Transformation von Bewegungsenergie in elektrische Energie hat, bedeutend schlechter als der Dynamo im Ergometer, Also es wird noch eine Größenordnung unrealistischer.

    Dann noch die Frage, ob es überhaupt gelingen kann, die Bewegungsenergie komplett auf Piezo-Elemente zu übertragen und nicht auf den umgebenden Boden.

    Für diese Falsifizierung des Konzepts brauche ich keinen Professor (der natürlich noch genauer argumentieren kann), dazu reichen elementare Physikkenntnisse. Diese sind bei typischen Grünen offensichtlich nicht vorhanden, und zwar nicht nur bei den Laudatoren, sondern bei allen Mitarbeitern des Greentech Festivals, die von dem Preis wußten und nicht eindringlich davor gewarnt haben, weil man sich bis auf die Knochen blamieren wird.

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Original: Der grüne Hauptmann von Köpenick

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