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Politik, Gesellschaft & Übergänge

Alte & Weise: in „Der Mann ohne Eigenschaften“

Original post is here eklausmeier.goip.de/wendt/2022/04-15409.


Von Alexander Wendt / / alte-weise, spreu-weizen / 3 min Lesezeit

„Und viele reiche Leute denken wie Sozialisten. Sie haben nichts dagegen, daß es ein Naturgesetz der Gesellschaft sei, dem sie ihr Kapital verdanken, und sind fest davon überzeugt, daß es der Mensch ist, der dem Besitz Bedeutung verleiht, und nicht der Besitz dem Menschen. Sie diskutieren ruhig darüber, daß in der Zukunft der Besitz aufhöre, wenn sie nicht mehr da sind, und werden in der Meinung, daß sie einen sozialen Charakter besäßen, noch dadurch bestärkt, daß nicht selten charaktervolle Sozialisten, in der Erwartung des ohnehin unausbleiblichen Umsturzes, bis dahin lieber bei reichen Leuten verkehren als bei armen.“

Robert Musil in „Der Mann ohne Eigenschaften“

5 Kommentare
  • A. Iehsenhain
    22. April, 2022

    Musils Worte würden als ergänzende Einleitung gut passen zu dem ebenfalls lesenswerten Artikel «Der Milliarden-Waschsalon» von Hubertus Knabe, der am 5. August 2020 u. a. bei Achgut zu lesen war.

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  • Albert Schultheis
    22. April, 2022

    Männer mit Eigenschaften haben im unternehmerischen kapitalistischen Westen große Leistungen erbracht in Wissenschaft, Technik sowie im Denken – viele sind davon reich geworden. Aber wir alle haben davon profitiert durch Arbeit, Löhne und sozialen Fortschritt. Männer ohne Eigenschaften haben im real existierenden Sozialismus gelebt wie in einem sozialistischen Adel und haben Wissenschaft, Technik und die Beziehungen zwischen den Menschen – ja, sogar den gesamten ererbten Bestand – zugrunde gerichtet. Heute kommen die Menschen aus den Ländern der dritten Welt, der islamistischen Gottesstaaten und des ehemaligen Sozialismus zu uns, weil sie Schutz und Wohlstand suchen und bekommen. Allein die jungen roten Grün-Schnäbel sind eifrig dabei, auch Deutschland in ein Land der Ruinen zu verwandeln. Nur für uns wird es dann kein Asyl mehr geben.

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    • pantau
      24. April, 2022

      Musil meint in seinem Hauptwerk nicht den Eigenschaftslosen, über den Sie alles nötige geschrieben haben, sondern sich selbst bzw die Hauptfigur des Romans: den schwer in gängigen Kategorien Fassbaren, den Hinterfragenden, experimentierfreudigen Denker, den des Möglichkeitssinns. Und als geistiger Dekonstruktivist würdigt und bewundert er letztlich doch den Konservativen, etwa in der Figur des Grafen Leinsdorf oder des alten, mit allen Wassern gewaschenen Diplomaten Tuzzi, der gerade in der Friedensbewegung u. seinen Lautsprechern (Feuerbach alias Werfel) einen kriegsauslösenden, destabilisierenden Faktor sieht. Der Roman ist unendlich lesenswert!

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      • Albert Schultheis
        25. April, 2022

        Lieber Pantau,
        danke für Ihre Klarstellung. Dennoch habe ich mir erlaubt, den Begriff des «Mannes ohne Eigenschaften» etwas eigenmächtig umzudichten. Seien Sie mir gewiss, die drei Bände Musils stehen seit geraumer Zeit in meiner bescheidenen Bibliothek an der Stelle, der unbedingt demnächst zu lesenden Lektüre. Für Werke dieser Kategorie brauche ich immer sozusagen einen inneren Ladezustand – ich spüre, ich stehe kurz davor.

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  • pantau
    24. April, 2022

    Benn, Musil oder auch Nabokov (in: bend sinister) haben soviel Endgültiges über diese sozialistische Denkmode u. die Typen, die auf sie hereinfallen, geäußert, man könnte sie endlos zitieren und es wäre eine subtile, brandaktuelle Analyse. Vielen Dank dafür, Herr Wendt.

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Original: Alte & Weise: in „Der Mann ohne Eigenschaften“

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