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Politik, Gesellschaft & Übergänge

Wer bleibt, der wechselt die Seiten

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Der Rauswurf Monika Marons bei Fischer erzählt von einem Kategorienfehler. Machtkritik ist immer nötig. Auch, wenn die Macht links ist. Wie soll ein Autor sonst über die Gesellschaft schreiben?

Von Alexander Wendt / / politik-gesellschaft / 19 min Lesezeit

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Arkadien gibt es in Berlin wirklich. Am Rand der Stadt, ein paar hundert Quadratmeter groß: das Literarische Kolloquium am Wannsee.

Eine Gründerzeitvilla, ein Park mit abfallendem Gelände zum Ufer, ein weiter Blick über das Wasser. An diesem Ort, dessen Adresse Sandwerder 5 schon nicht mehr nach Metropole klingt, feierte der S. Fischer-Verlag im Sommer 2016 den 75. Geburtstag seiner Autorin Monika Maron.

Ein Redner des Verlags führte das Publikum durch sechsunddreißig gemeinsame Jahre, von ihrem ersten Buch „Flugasche“ im Jahr 1981, das in der DDR nicht erscheinen durfte, bis zur Gegenwart – damals der Roman „Zwischenspiel“ – und freute sich auf die nächsten Manuskripte.
Die originellsten Glückwünsche des Abends überbrachte Norbert Dickel, Stadionsprecher von Borussia Dortmund, der per Video zugeschaltet eine launige Rede auf die Borussia-Anhängerin Maron hielt. Zu der Feier am Wannsee kam auch Bundespräsident Joachim Gauck vorbei. Er unterhielt sich ziemlich lange mit Maron am Stehtisch beim Wein. Beide kennen einander seit langem, sie beurteilen bestimmte Gesellschaftsthemen unterschiedlich, was sie aber nicht daran hindert, miteinander zu reden. Niemand hätte es an diesem Abend für wahrscheinlich gehalten, dass sich die Wege von Verlag und Autorin einmal trennen würden. Und wenn, dann nur aus einem dramatischen Grund.

Eigentlich trennten sich beide auch gar nicht voneinander. Monika Maron bekam am 9. Oktober einen Anruf von ihrem Lektor; ihr wurde der Rauswurf nach 40 Jahren Zusammenarbeit mitgeteilt. Es lässt sich auch nicht die eine dramatische Ursache dafür ausmachen. In einem Interview mit der Welt am Sonntag über den Hinauswurf zitierte die Schriftstellerin Günther Busch, den langjährigen Lektor der edition suhrkamp: „Ein Autor bleibt bei seinem Werk.“ Und kommentierte: „Das kann ich nun nicht mehr.“

Was als vorgebliches Motiv für Trennung in der Branche und manchen Medien herumgereicht wird, kommt nicht ernsthaft in Frage: Dass ihr Essayband „Krumme Gestalten, vom Wind gebissen“ nicht bei Fischer erschien, sondern im Frühjahr 2020 in der kleinen EXIL-Edition des Buchhauses Loschwitz. Maron hatte ihren Verlag gefragt, ob er eine Sammlung ihrer Essays herausbringen wollte. Er mochte aber nicht. Wohlgemerkt, es handelte sich bei dem, was dann in der EXIL-Reihe erschien, durchweg nicht um neue Texte, sondern schon veröffentlichte, teils bei Fischer, teils anderswo, etwa in der Neuen Zürcher Zeitung. Der Verlag S. Fischer war mit der Publikation außer Haus auch ausdrücklich einverstanden.

Als Scheidungsgrund taugt diese Veröffentlichung auch deshalb nicht, weil sich der Riss schon vorher angekündigt hatte. Schon bei ihrem Buch „Munin oder Chaos im Kopf“, erschienen 2018, gab es verlagsinterne Bedenken. In diesem Roman blickt die Hauptfigur skeptisch auf die Einwanderungswelle von 2015 und die Bildung von gesellschaftlichen Lagern, zwischen denen kaum noch eine Diskussion über die Migration und andere Fragen stattfindet. Damals ähnelten manche Rezensionen eher besorgten Diagnoseversuchen: Was ist los mit Monika Maron? Warum behandelt sie die Themen Massenmigration und Islam anders als die meisten ihrer Schriftstellerkollegen, nämlich distanziert und kritisch? Genau diese Frage stellten sich offenbar auch einige Mitarbeiter bei Fischer. Offenbar, ohne in Marons Biografie und in ihren Büchern nach einer Antwort zu suchen.

Als die langjährige Fischer-Verlegerin Monika Schoeller im September 2019 ihren 80. Geburtstag feierte, zitierte das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels die Glückwünsche von Schriftstellern und zählte Autoren auf, die in Schoellers Ära zum Verlag gekommen waren. Marons Name fehlte in der Liste. Erst, als Kollegen nach dem Grund fragten, trug das Börsenblatt die Autorin nach.
Auch über ihr letztes Buch bei Fischer, den Roman „Artur Lanz“, erschienen in diesem Jahr, beugten sich manche Journalisten, als müssten sie eine noch nie dagewesene Kreatur sezieren, also ein Unwesen. In dem Buch findet sich das, was unter den alten und etwas zu oft bemühten Begriff Gesellschaftskritik fällt. Nur richtete die sich eben nicht gegen die branchenüblichen Verdächtigen. In dem Roman tritt beispielsweise die einflussreiche Kulturfunktionärin Penelope Niemann auf, ein Musterbild an politischer Korrektheit, Bildungsferne und erfolgreicher Betriebsnudeligkeit. Auch das passende Milieu dazu setzt Maron in Szene. Dazu kommt das eigentliche Thema des Buchs: die Figur des Helden – und die Frage, warum diejenigen, die in der Gesellschaft den Ton angeben, sich über Helden (und Männer) nur noch ironisch bis abfällig äußern.

Der Tagesspiegel stellt schon am Beginn seiner Rezension fest: „Monika Maron hadert in ihrem literarisch verunglückten Roman ‚Artur Lanz’ mit dem postheroischen Zeitalter, dem Feminismus, dem Klimawandel und der Migration.“ Wie in einem politischen Dossier heißt es weiter: „Maron sprang 2018 ihrem Kollegen Uwe Tellkamp zur Seite, als dieser sich mit seinen Aussagen zur Flüchtlingspolitik und Meinungsfreiheit stark nach rechts vergaloppierte.“
Den Vorwurf, irgendein Autor hätte sich stark nach links vergaloppiert, kann man übrigens im deutschsprachigen Raum und nicht nur dort lange suchen, ohne irgendeinen Textbeleg zu ergattern. Der Spiegel meldete mit befriedigtem Unterton den Verlags-Rauswurf der Autorin, „die immer wieder mit rechten Äußerungen für Empörung sorgt“. Und zwar bei den Empörbeauftragten des Spiegel. Missfallsbekundungen über linke Äußerungen sind dort grundsätzlich nicht vorgesehen. Wenn, dann kommen sie von anderswo und heißen Hass & Hetze.

Und genau hier liegt der Grund für die allergische Reaktion vieler Wohlmeinenden auf Maron, vor allem in den letzten zwei Jahren: in einem Kategorienfehler. Möglicherweise auch in einem gewollten Missverständnis. Ein Bundespräsident, der mit ziemlicher Sicherheit nicht zu Monika Marons 80. Geburtstag vorbeischauen wird, Frank-Walter Steinmeier, warnte 2018 in einer Rede vor den „selbsternannten Kämpfern gegen die sogenannten ‚Eliten’“. Wobei er das Rätsel leider nicht auflöste, wer Kämpfer gegen Eliten ernennt. Der Vorwurf zieht sich auch durch etliche Leitartikel, Mahnreden und politikwissenschaftliche Traktate, Elitenkritik sei etwas sehr Bedenkliches, Populistisches, auch gern: etwas Gefährliches. Jedenfalls dann, wenn die gemeinten Eliten links stehen. Das allerdings trifft für die Eliten in Kulturbetrieb, Medien und Universitäten fast überall in Westeuropa und den USA zu. In Deutschland auch für große Teile des politischen Establishments.

Wenn es ein Grundmuster in Marons Texten gibt, ob in Romanen oder Essays, dann ihr Blick auf Machtverhältnisse. Ihr Buch „Flugasche“ über die Umweltzerstörung in der DDR, erschienen 1981 bei Fischer, war klassische Gesellschaftskritik. „Stille Zeile Sechs“ handelte von Machtverhältnissen in der DDR und von Legenden, um diese Verhältnisse zu camouflieren. Nicht alle, aber die meisten ihrer Bücher befassen sich mit der Frage, worauf sich in einer Gesellschaft die Macht stützt, und wer welche Formeln zur Verklärung der Hierarchie benutzt. Das galt einmal als klassisch linke Sicht, jedenfalls in Zeiten, in denen die wichtigen Machtpositionen nicht in der Hand von Linken lagen.

In dem Interview mit der Welt am Sonntag meint Maron über dieses linke Milieu: „Sie sind Establishment geworden, empfinden sich aber immer noch als Opposition. Das heißt, ein Angriff auf sie kann nur reaktionär sein.“
Schon 2017 fragte sie rhetorisch in dem Essay „Links bin ich schon lange nicht mehr“, erschienen in der NZZ: „Welche Achse hat sich gedreht, dass ich mich auf einer anderen Seite wiederfinde, ohne die Seite gewechselt zu haben?“

In ihrem neuen Buch „Artur Lanz“ beschäftigt sie sich mit zwei Mächten, die heute eben nur mit einem gewissen Risiko einer Kritik unterzogen werden können: der Linken und dem Islam. Beide befinden sich in einem ständigen Angriffsmodus, beide wollen in ihrer radikalen Ausprägung, wie Ayaan Hirsi Ali kürzlich feststellte, nicht diskutieren, sondern erwarten von anderen Unterwerfung. Und beide, nicht nur ihr radikaler Teil, haben bis heute nicht gelernt, Kritik halbwegs gelassen hinzunehmen.

Diese Ähnlichkeit dieser beiden politischen Größen gehört zu den interessantesten Phänomenen der Gegenwart. Eigentlich müsste sie jeden Autor reizen, der über die Gegenwart schreibt.
Von Monika Maron wird jedenfalls keiner ernsthaft erwarten, dass sie mit 79 Jahren das abstreift, was sich durch fast alle ihre Bücher zieht, nämlich Machtkritik. Was das betrifft, bleibt die Autorin bei ihrem Werk.

Nach ihrer Verabschiedung bei Fischer wird Monika Maron einen neuen Verlag finden, und ihr nächstes Buch ein Publikum. Auch die mutmaßlich neue Heimat verfügt über eine lange Tradition. Dieser Schritt wird kein Seitenwechsel.
Allerdings sortiert sich eine Gesellschaft gerade neu, wenn immer weniger Verlage, Redaktionen, Vereine und Parteien Spannung im Inneren aushalten. Wenn immer öfter eine Differenz zu einem Kontaktabbruch führt, zu der Feststellung, es gebe nichts mehr zu reden.

Abende, in denen Leute mit sehr unterschiedlichen Ansichten trotzdem ins Gespräch kommen, wirken unter diesen Verhältnissen mittlerweile exotisch. Beziehungsweise arkadisch.
Die Beteiligten können dann sagen: Dort waren wir einmal.

Dieser Text erscheint auch auf Tichys Einblick.

15 Kommentare
  • Materonow
    20. Oktober, 2020

    Werde mir sogleich den neuen Maron besorgen.
    Autoren wie Tellkamp und Monika Maron gehören von normal gebliebenen, nicht linken Menschen, gelesen, denn fast alles Übrige ist dem linksgrünen Zeitgeist hörig.
    Flugasche habe ich damals gelesen, «Krumme Gestalten…» und «Munin…» auch. Das sind erfrischend andere Werke, als jene dem linksgrünen Zeitgeist geschuldete von gleichgerichteten Autoren.

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  • Stefan Michael
    20. Oktober, 2020

    Unabhängig von der dürren Begründung und vom schlechten Stil sendet die Entscheidung der Geschäftsführung des S.Fischer-Verlags ein fatales Signal an junge und noch nicht etablierte Autoren nicht nur des eigenen Verlags: Wer den Korridor der von den linksliberalen Eliten akzeptierten Meinungen verlässt, kann eigentlich gleich mit dem Schreiben und Dichten aufhören. Als ehemaliger Buchhändler bin ich entsetzt, vor allem wenn ich an die Tradition dieses Verlages denke. Frühere Geschäftsführer und Lektoren würden sich im Grabe umdrehen, wenn sie das Gebaren der heutigen Führung verfolgen könnten. Interessant ist der Hinweis auf den möglichen neuen Verlag von Frau Maron, der auch eine große Tradition habe. Ich tippe auf Rowohlt …

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  • Libkon
    20. Oktober, 2020

    Zitat:»Beide (Linke und Islam) befinden sich in einem ständigen Angriffsmodus, beide wollen in ihrer radikalen Ausprägung, wie Ayaan Hirsi Ali kürzlich feststellte, nicht diskutieren, sondern erwarten von anderen Unterwerfung. Und beide, nicht nur ihr radikaler Teil, haben bis heute nicht gelernt, Kritik halbwegs gelassen hinzunehmen.» Zitatende.

    Das Gefühl, Macht zu haben, ist zu mächtig. Schon «überlegt» Frau Kanzlerin, ob sie, trotz Überdrusses des Landes und der Politik, weiter als (mächtige ?) Kanzlerin das Land (ver-) führen sollte. Natürlich wird sie sich nicht «zweimal» bitten lassen.

    Frau Maron genießt, anders als die Oberopportunistin Merkel, meine Hochachtung. Frau Maron hat nie ihre Ideale, ihre Ziele verraten, anders als ihre vorgeblichen Gesinnungsgenossen. Ich habe, nachdem ich diese Erkenntnis gewonnen hatte, kein Interesse mehr an der aktuellen Politik, da ich die Regierung (keine Fachkenntnisse für Minister mehr erforderlich), die Parteien und die Presse für durch und durch korrupt halte. Anders ist die «Gleichschaltung» nicht zu erklären.

    Da ich weiterhin Bücher lesen werde (um mehr über uns Menschen als «Ewigscheiternde» zu erfahren), werde ich um den Verlag S. Fischer einen großen Bogen machen. So traurig das alles auch ist. Selbstachtung ist das Fundament, das jeder von uns besitzt. Machen wir endlich Gebrauch davon.

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  • Oliver Driesen
    20. Oktober, 2020

    Treffender Text, rätselhafte Überschrift: MM wechselt also nicht die Seiten, nachdem sie gegangen wurde. Aber wer, der (beim alten Verlag?) bleibt, wechselt sie dann? Und wohin?
    Schlimm war schon das vorbereitende Trommelfeuer der Feuilletons bei den Rezensionen zu «Lanz»: Polemische Distanzierungen («Irgendwas muss sie falsch verstanden haben, als sie den Deutschen Nationalpreis erhielt», BZ) mit einer erschreckenden Nähe zur Sprache und Geisteshaltung der SED-Parteiorgane. Damals wurde sich bereits kollektiv eingestimmt auf das, was «Spiegel» und Konsorten heute gehässige Genugtuung bereitet.

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  • Jochen Schmidt
    20. Oktober, 2020

    Danke für diesen Artikel!

    Einen wohl zentralen Satz habe ich nicht verstanden – oben im Artikel heißt es:

    «Und genau hier liegt der Grund für die allergische Reaktion vieler Wohlmeinenden auf Maron, vor allem in den letzten zwei Jahren: in einem Kategorienfehler.»

    Kapiere ich nicht. Der Satz davor lautet:

    «Wenn, dann kommen sie [i.e., Missfallsbekundungen ] von anderswo und heißen Hass & Hetze.»

    Kapiere ich immer noch nicht. Worin besteht jetzt der «Kategorienfehler»?

    Mir scheint, Herr Wendet hat den «Grund für die allergische Reaktion vieler Wohlmeinenden auf Maron» im Artikel gut beschrieben, dieser Grund ist auch nicht so schwer zu verstehen. Aber was hat das mit einem Kategorienfehler zu tun? All diese Kritiker machen gerade keinen Fehler, sie haben die Texte von Monika Maron genau verstanden – vermutlich sogar dann, wenn sie diese gar nicht gelesen haben.

    Maron kritisiert wesentliche Bestandteile der aktuellen linken Ideologie. Und genau dies ist «der Grund für die allergische Reaktion vieler Wohlmeinenden auf Maron». Letztlich ist das einfach ein weiterer Fall von «cancel culture». Einen Zusammenhang mit einem etwaigen Kategorienfehler kann ich da nicht erkennen.

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  • Bernd Zeller
    20. Oktober, 2020

    Vorhin im Staatsradio dazu eine Literaturwissenschaftlerin. Sie sprach Deppinnensternchen-innen und zeigte damit, dass sie aus Konformitätsdruck nicht anders kann als zu sagen, was sie sagte.

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    • Materonow
      21. Oktober, 2020

      In den linksgrünen Mainstreammedien befleißigen sich schon einige, das -innen mit einer kleinen Pause vorzulesen/-zutragen.
      Das hört sich dann an wie innen und außen.
      Man könnte sich schief lachen, wenn diese Figuren es nicht ernst meinten mit diesem Genderunfug!

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    • pantau
      21. Oktober, 2020

      Da weiß man, was kommen muss, ähnlich wie damals, wenn jemand ohne Not den Deutschen Gruß e.V. brachte. Es werden eigentlich nur noch Bekenntnisse ausgeworfen, langweilige Zeiten mittlerweile für Zeitdiagnostiker..

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  • Gotlandfahrer
    20. Oktober, 2020

    Wichtiges dokumentarisches Zeugnis zur Zeit. Entsetztsein braucht es nicht mehr. Das, was geschieht ist aus Geschichte und Verhaltensforschung hinlänglich bekannt. Politische Säuberungen sortieren immer gemäß sich zuspitzender Maßstäbe aus. Der vorgebliche Abfall, also die Wegbewegung, von einem fixen Maßstab dient nur der Verschleierung des Tuns der Maßstabsverschieber. Es ist ein Anpassungswettbewerb mit zunehmender Dynamik, was sich daran nachweisen lässt, dass nicht etwa Neuartiges nicht gesagt werden darf, weil es an bewährten Maßstäben scheitert, sondern Bewährtes nicht mehr gesagt werden darf, weil es an neuen Maßstäben scheitert.

    Sein eigenes Dabeibleiben durch Akzeptanz und Mitmachen beim Maßstabverschieben auf Kosten der Rausdefinierten erkaufen zu können, ohne dabei am eigenen Gewissen zu zerbrechen, zeigt, wovon ein Großteil der sich als «Elite» Gerierender geprägt ist: Von Morallosigkeit. Übrig bleiben Antiautoritäten, die den Prozess weiter vorantreiben müssen, um von ihrer Perversion der ursprünglichen Werte ablenken zu können.

    Wäre man als Staatsvolkangehöriger nicht mitten drin, statt nur dabei, könnte man wie ein Insektenforscher gespannt auf den herbeitolerierten Showdown der beiden «Unterwerfung fordernden» Gruppierungen blicken, die zwar so viel, aber eben auch nicht alles gemein haben. Denn die anderen mögen brutal und archaisch sein, aber nicht vergleichbar feige und charakterlos. Insofern wird es keinen Showdown geben, sondern eine freiwillige Überlassung der Immobilie nach möglichst lang hinausgezögerter Herrschaft der perversen Antiautoritäten.

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  • pantau
    21. Oktober, 2020

    Die Bundesrepublik wird als Weltmeister im richtungskonformen Einknicken ohne äußere Ursache in die Geschichte eingehen. Der Diederich Heßling hat seine maximale Sättigung in der bundesdeutschen Mentalität erreicht, würde ich meinen. Es ist also kein Denk- oder Kategorienfehler, sondern fast schon ehrlicher Ausdruck eines Charakterfehlers, eben der, der das Mitläufertum begründet. Mich verblüfft immer wieder aufs neue die Deutlichkeit und die Ausnahmslosigkeit des Charakterversagens vor allem der bildungsmedialen «Elite». Wie kriegt etwa die S. Fischer-Truppe eigentlich noch die Klassiker der Literatur auf die Reihe, ohne auch sie sofort & instinktsicher zu verdammen? Möglicherweise lesen die sie garnicht mehr, quasi prophylaktisch. Noch kein Klassiker hat «Gesinnung» hochgehalten, sondern sie ergab sich stets aus Machtkritik.

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  • Max
    21. Oktober, 2020

    Je totalitärer Gesellschaften werden, desto stärker auch der intuitiv erwachsende Zwang zur Gleichschaltung und Ausgrenzung. Das gilt für alle Bereiche des Lebens.
    So wie die in Ihrem vorherigen Artikel erwähnten Social-Media-Konzerne zunehmend Meldungen und Meinungen zensieren und sperren, so verstehen sich mittlerweile die großen Publikumsverlage als Torwächter für «vielfaltsfördernde» Literatur. Vor Monika Maron wurden auch schon andere bekannte Autoren wie Thor Kunkel, Uwe Tellkamp oder Akif Pirincci auf die Liste der auszusondernden Literaten gesetzt … Renommierte Autoren wie Maron haben zumindest noch eine Chance, zu einem anderen Verlag zu wechseln, aber jüngere, unbekannte Autoren mit scheinbar verdächtiger Gesinnung dürften es sehr sehr schwer haben. Die bleiben dann in der Self-Publishing-Ecke, wo sie erst niemand wahrnimmt. Es bräuchte vielleicht wie bei den Social-Media-Kanälen mehr unabhängige, alternative Verlage für freie Literatur …
    In meinem lokalen Supermarkt steht übrigens auch ein ganzer Spiegel-Werbestand mit der Aufschrift: «Journalismus braucht Vielfalt.» Darin finden sich ausschließlich Publikationen aus dem Hause Augstein …
    Es ist wohl auch pure Selbstkonditionierung rückgratloser Verlagsmitarbeiter, da muss auch gar nichts mehr von oben zensiert, vorgeschrieben oder kontingentiert werden wie in der DDR. Mag auch sein, dass eine engagierte Lektorin den Verdacht äußert, dieser oder jener Autor müsse wohl ein verkappter Rechter sein … Welcher Cheflektor mag es sich leisten, diese Verdachtsmeldung zu ignorieren? Man muss ja schließlich auch mal an die Jobs und den Ruf des Verlags denken …
    PS: Danke, Ihre Artikel sind ein Lichtblick an diesen trüben Tagen.

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  • Werner Bläser
    21. Oktober, 2020

    «Gesellschaftskritik»? «Kritik an den Herrschenden?» – Machen wir endlich die Augen auf! Die gab es nie. Es gab immer nur Kritik von Linken an RECHTEN Aspekten von Gesellschaft und Herrschaft. Wie sich herausstellt, war dies nicht mehr und nicht weniger als ein Vernichtungskrieg gegen Konservatismus. Linke haben nicht das Geringste gegen Herrschaft – wenn SIE sie ausüben. Wenn die Gesellschaft von oben linksgestrickt ist, dann hat die Gesellschaftskritik zu schweigen.
    All das Rufen nach Freiheit, nach mehr Demokratie, nach offenem Diskurs (ach Habermas…) – es war heuchlerisches Geschwätz. Es war als Gesellschaftskritik verkleideter linker Herrschaftsanspruch. Streng nach dem Prinzip von Goebbels Rede zur Eröffnung des Reichssenders Saarbrücken vom 3.12.1935: Dort verhöhnt Goebbels die demokratische Opposition, indem er ihnen sagt, diese hätte zwar den Nazis früher Redefreiheit zugestanden – aber deshalb müssten die Nazis, jetzt an der Macht, «nicht so dumm sein, dasselbe zu tun». Es gibt nichts Neues unter der deutschen Sonne.

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  • Thomas Schweighäuser
    21. Oktober, 2020

    Nicht, dass ich mich über irgendetwas wundern könnte, aber die Einschätzung, dass in Deutschland «große Teile des politischen Establishments» links sein sollen, haben Sie angesichts so engagierter Vertreter des Sozialismus wie Olaf Scholz oder Robert Habeck doch eher exklusiv, oder täusche ich mich da?
    Aber das ist natürlich immer eine Frage des Standpunktes und der von «Tichys Einblick» ganz gewiss ein anderer als meiner.

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    • Werner Bläser
      21. Oktober, 2020

      Da haben Sie natürlich Recht. Habeck und Scholz sind Rechtsradikale. Alles, was rechts von der linken Wand ist, ist in Deutschland seit einiger Zeit nämlich rechtsradikal. Sie sehen, wir stimmen überein.

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  • Blindleistungsträger
    24. Oktober, 2020

    ZITAT: «Nicht alle, aber die meisten ihrer Bücher befassen sich mit der Frage, worauf sich in einer Gesellschaft die Macht stützt, und wer welche Formeln zur Verklärung der Hierarchie benutzt. Das galt einmal als klassisch linke Sicht, jedenfalls in Zeiten, in denen die wichtigen Machtpositionen nicht in der Hand von Linken lagen.»

    Dem zweiten Satz des Zitats nach scheint es also keinerlei klassische linke Sicht zu geben. Eine klassische Sicht wird man ja wohl auch dann behalten, wenn sich die persönlichen Machtverhältnisse ändern. Ansonsten ist die klassische Sicht nur eine Illusion oder eine Lüge, die man stets gegenüber anderen erzählt. Und Linke verbreiten ständig Lügen.

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