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Politik, Gesellschaft & Übergänge

Der Weg zum Weltbrand

Original post is here eklausmeier.goip.de/wendt/2020/08-der-weg-zum-weltbrand.


Heute vor 100 Jahren begann die Schlacht um Warschau. Das „Wunder an der Weichsel“ stoppte den Vormarsch der Roten Armee nach Mitteleuropa. Die polnischen Truppen retteten indirekt auch Deutschland. Dort ist die historische Wende heute fast vergessen

Von Alexander Wendt / / politik-gesellschaft / 32 min Lesezeit

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Der Geschützdonner drang bis in die Vororte von Warschau. Am 13. August 1920 traten Truppen der 16. sowjetischen Armee zum Angriff auf den polnischen Brückenkopf östlich der Weichsel an, sie eroberten die Kleinstadt Radzymin, nur 23 Kilometer nordöstlich von Warschau; drei weitere Armeen und ein Kavalleriekorps stießen im Norden vor, um die Hauptstadt einzukreisen.

Am 10. August erst hatte die Streitmacht von mehr als 100 000 Mann den Bug überquert. Jetzt schien es nur eine Frage von achtundvierzig Stunden, bis sie ins Zentrum der polnischen Hauptstadt einrücken konnte. Fast alle Diplomaten flohen spätestens an diesem 13. August aus ihren Botschaften. Es blieben nur der britische Botschafter, der Gesandte des Vatikans und die kleine französische Militärmission unter Leitung des Generals Maxime Weygand. Der sowjetische Oberbefehlshaber Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski hatte die polnischen Truppen monatelang vor sich hergetrieben, Kiew und Minsk von ihnen zurückerobert. Jetzt sah er sich vor dem größten Erfolg seiner Laufbahn. Fünf Armeen standen ihm zur Verfügung, darunter die gefürchtete Reiterarmee von Semjon Michailowitsch Budjonny. Politisch stand der Feldzug unter Aufsicht eines Kaders, der für seine Durchsetzungsfähigkeit bekannt war: Josef Stalin.

Der polnische Armeechef Józef Piłsudski hatte Weygand am 9. August angeboten, sich das Kommando mit ihm zu teilen. Der General lehnte ab. „Truppen zu kommandieren, die so hastig zusammengestellt wurden wie unsere“, gab Piłsudski das Gespräch mit seinem französischen Partner später wieder, „ohne deren Sichtweise und Führungsmethoden zu kennen, das wäre zu schwierig für ihn und faktisch unmöglich.“ Der polnische Marschall machte sich keine Illusionen über den Zustand seiner Truppe. In seinen Erinnerungen beschrieb er, was er sah, als er jede Einheit seiner 4. Armee besuchte, überwiegend frisch ausgehobene Rekruten: „In der 21. Division traten fast die Hälfte der Soldaten barfuß zum Appell an.“ Sie trugen ein Sammelsurium an Gewehren, das französische Lebel, das österreichische Mannlicher, russische Berdan-Gewehre und deutsche Mauser. Seine Soldaten brachte er vor allem mit einer Botschaft dazu, in den Kampf zu gehen, der Mahnung, dass der eben erst wiedergegründete Staat Polen jetzt nur in ihren Händen lag.

Weygand beschwor Piłsudski, sich in Verteidigungsstellungen einzugraben. Dann könnte es vielleicht so etwas geben wie das Wunder an der Marne 1914, als das französische Heer den deutschen Vorstoß auf Paris zum Stehen brachte.

Der polnische Befehlshaber tat etwas anderes. Er führte seine ärmlich ausgerüsteten Divisionen in einen Großangriff. Seine Offensive endete am 24. August mit der völligen Niederlage Tuchatschewskis. Gut 66 000 sowjetische Soldaten gingen in Gefangenschaft, 40 00 fielen oder wurden verwundet, die polnischen Truppen erbeuteten mehr als 200 Geschütze und 10 000 Fahrzeuge. Bei ihrem Gegenangriff verlor Piłsudskis Streitmacht nur 238 Offiziere, 4124 Mann und etwa 26 000 Verwundete.

Das Cud nad Wisłą, das Wunder an der Weichsel gehört zu den Mirakeln der Kriegsgeschichte. Selten verwandelte ein Oberbefehlshaber eine auf den ersten Blick aussichtslose Lage binnen weniger Tage in einen so gründlichen Triumph. Und selten riskierte jemand so viel.

Über die Bedeutung des Dramas, das sich 1920 vor Warschau abspielte, waren sich alle Mitspieler im Klaren. Es ging nicht nur um Warschau und Polen. In seinem Tagesbefehl vom 2. Juli 1920 machte Tuchatschewski – ein hochtalentierter Militär mit einer glänzenden Laufbahn unter dem Zaren und ein erklärter Verehrer Napoleons – seinen Soldaten deutlich, dass sie gerade Weltgeschichte schrieben.

„Die Truppen, die unter der roten Fahne angetreten sind, stehen nun bereit, bis zum Tod der Streitkräfte des weißen Adlers zu kämpfen, die Schmach von Kiew zu rächen und die kriminelle Piłsudski-Regierung im Blut der ausgelöschten polnischen Armee zu ertränken. Das Schicksal der Weltrevolution wird sich an der westlichen Front entscheiden. Der Weg zum Weltbrand führt über die Leiche Polens.“

Über die Leiche Polens – das hieß: nach Mitteleuropa. Nach Deutschland. Die Idee von Wladimir Iljitsch Lenin zur Sicherung des ersten kommunistischen Staates war ebenso einfach wie einleuchtend: Sowjetrussland durfte nicht isoliert bleiben, sondern musste sein Modell in andere europäische Länder tragen, und zwar mit Gewalt.

Ein Schutzwall von neuen Sowjetrepubliken – in Polen, Österreich, vor allem aber in Deutschland – würde die Revolution unangreifbar machen. Und dafür, das hatte Lenin hellsichtig erkannt, bot sich 1920 eine Chance, die ein Weltveränderer wie er nicht verpassen durfte. Nach dem Vertrag von Versailles, in Kraft getreten im Januar 1920, durfte das Deutsche Reich nur noch eine schwache und kaum selbstverteidigungsfähige Armee unterhalten.

Die so genannte Übergangsreichswehr verfügte im August 1920 weniger als 200 000 und etwas mehr als 150 000 Mann, sie befand sich gerade auf dem Weg zu ihrer vertraglichen Endstärke von 100 000 Soldaten. Vor allem aber besaß sie keine schwere Artillerie – kein Kaliber über 105 Millimeter – keine Panzerfahrzeuge und keine Luftwaffe. Zwar gab es neben der Reichswehr verschiedene Freikorps. Aber auch die machten den Mangel an schweren Waffen nicht wett. Die polnische Armee, so sah es die sowjetische Führung, war praktisch schon erledigt.

Und in Deutschland, dem eigentlichen Operationsziel, stand Tuchatschewskis Westfront kaum ebenbürtigen Truppen gegenüber. Dafür gab es seit 1918 die Kommunistische Partei Deutschlands, entstanden aus dem „Spartakusbund“ und kleineren Gruppen, die sich als Bündnispartner der Sowjetunion verstanden. Von ihnen erwartete Lenin Sabotageakte und Aufstände hinter der Front – und nach dem Sieg die Errichtung einer sowjetdeutschen Regierung. Für ein sowjetisiertes Polen hielt sich schon ein Regierungschef bereit, der aus dem polnischen Kleinadel stammende Feliks Edmundowitsch Dzierżyński, Gründer der Geheimpolizei Tscheka.

Obendrein konnte Lenin noch ein moralisches Moment für sich nutzen. Schließlich war die polnische Armee zunächst als Angreifer gekommen und bis Kiew vorgedrungen, in eine vorübergehend unabhängige Ukraine zwar, aber dieses Detail ließ die Moskauer Führung wohlweislich beiseite.

Englands und Frankreichs Regierungen erklärten, dass sie einem sowjetischen Vorstoß nach Mitteleuropa nicht tatenlos zusehen würden. Allerdings registrierte Lenin und dessen Politbüro aufmerksam, wie schwach ihre militärische Unterstützung für Polen ausfiel, selbst jetzt, da Tuchatschewski vor Warschau stand. Und von seiner Operationsbasis an der Weichsel lag das oberschlesische Industrierevier nur noch wenige Tagesmärsche entfernt.

In einem Brief an einen Vertrauten schrieb Papst Benedikt XV am 5. August: “Gegenwärtig steht nicht nur Polens nationale Existenz auf dem Spiel, sondern ganz Europa droht der Schrecken eines neuen Krieges.“

Der britische Gesandte Edgar D’Abernon, der in Warschau geblieben war (später sollte er Botschafter in Berlin werden) zählte die Schlacht von Warschau später zu den wichtigsten Entscheidungskämpfen der Weltgeschichte.

«Wären Piłsudski und Weygand dabei gescheitert, den triumphalen Vorstoß der sowjetischen Armee auf Warschau aufzuhalten“, schrieb er später, „dann hätte nicht nur das Christentum einen gefährlichen Rückschlag erlitten, sondern die Existenz der westlichen Zivilisation wäre gefährdet gewesen.“

Großbritanniens Premier Lloyd George sah die Lage genau so wie Lenin – nur mit anderem Vorzeichen. In seinem Memorandum von Fontainebleau notierte er schon 1919:

„Die größte Gefahr der gegenwärtigen Situation ist, dass Deutschland sein Los mit dem Bolschewismus verbünden und seine Ressourcen, sein Wissen, seine riesige Organisationskraft in den Dienst revolutionärer Fanatiker stellen könnte. Diese Gefahr ist keine bloße Schimäre. Die gegenwärtige Regierung in Deutschland ist schwach; sie besitzt kein Ansehen, ihre Autorität ist herausgefordert, sie hält nur, weil es außer den Spartakisten keine Alternative gibt.“
(„The greatest danger I see in the present situation is that Germany may throw her lot with Bolshevism and place her resources, her brains, her vast organizing power at the disposal of the revolutionary fanatics… This danger is no mere chimera. The present Government in Germany is weak; it has no prestige; its authority is challenged; it lingers merely because there is no alternative but the spartacists.“)

George drängte Polens Regierung deshalb in einem ruppigen Tonfall, mit der Sowjetregierung Frieden zu schließen und dabei fast jedes Diktat Lenins und Trotzkis anzunehmen. Nur so, mit Zugeständnissen, glaubte er, ließe sich eine Invasion ins Deutsche Reich noch stoppen.

In dieser Lage also setzte Piłsudski buchstäblich alles auf eine Karte. Sein Plan war geradezu halsbrecherisch, vor allem aber strategisch höchst modern. Statt einen durchgehenden Verteidigungsring um die Hauptstadt aufzubauen und darauf seine sieben Armeen zu verteilen, wagte er es, die sowjetische Front, die sich über einen Großraum vom Südosten bis weit nordwestlich hinter Warschau hinzog, mit einer Offensive zu zersprengen.

Nur eine, die 1. Armee sollte die Stadt selbst verteidigen. Im Norden, wo der sowjetische Hauptstoß ansetzte, trat die 5. polnische Armee unter General Władysław Sikorski zum Gegenangriff an – während General Józef Haller von Hallenburg mit seiner „Blauen Armee“ – polnische Truppen, die vorher an Frankreichs Seite gekämpft hatten – den Befehl hatte, unter allen Umständen den frontalen sowjetischen Angriff auf Praga zu stoppen. Die wichtigste Rolle dachte Piłsudski einer kleinen Eliteeinheit von nur 20 000 kampferfahrenen Offizieren und Soldaten zu, der „Reservearmee“. Sie sollte in eine Lücke zwischen der südlichen und der nördlichen sowjetischen Front stoßen und so die Linien des Gegners weiter aufspalten.

Sikorskis massiver Angriff, unterstützt von einigen französischen Renault-Panzern und durch Panzerzüge, überrumpelte die schon siegesgewissen Sowjettruppen völlig. Dazu kam polnisches Kriegsglück: das 203. Regiment eroberte am 16. August mehrere Sendemasten des gegnerischen Funknetzes, dessen Code sie geknackt hatten. Sie zerstörte die meisten, einen – die Masten waren auf eine feste Frequenz eingestellt – blockierten sie, indem sie das gesamte Buch Genesis auf Polnisch und Latein funkten. Die sowjetische 4. Armee verlor dadurch den Kontakt zu der Führung und operierte fortan orientierungslos.

Am 18. August begriff Tuchatschewski in seinem Minsker Hauptquartier, dass seine Truppen, die Warschau vom Norden her umfassen sollten, Gefahr liefen, abgeschnitten zu werden. Er befahl das einzige, was noch half – den sofortigen Rückzug unter Aufgabe des schweren Materials. Zu der vernichtenden Niederlage trug auch der Eigensinn Stalins bei, der darauf beharrte, die Belagerung des ostpolnischen Industriezentrums Lemberg fortzusetzen. Diese Einheiten fehlten vor Warschau. Tuchatschewski gab später dem, wie er sich ausdrückte, „Analphabeten Budjonny“ und Stalin die Schuld für den Zusammenbruch seines Feldzugs.

Wie alle großen Momente der Geschichte reichten die historischen Nachwirkungen des Wunders von Warschau weit. Im September 1920 musste Lenins Regierung dem Frieden von Riga zustimmen, der den Traum vom Sowjeteuropa auch offiziell beendete. Der Weltenbrand fiel aus, vorerst jedenfalls. Mit seinem tollkühnen Sieg begann Piłsudskis Aufstieg zum Politiker und nationalen Führer, der Polen mit einer kurzen Unterbrechung bis zu seinem Tod 1935 beherrschte. In den ersten Jahren nach 1920 versuchten seine innenpolitischen Gegner noch, ihm den Ruhm streitig zu machen, indem sie behaupteten, den Offensivplan hätte in Wirklichkeit General Weygand entworfen.

Auch bei der Formel des „Wunders an der Weichsel“ handelte es sich ursprünglich um eine ironische Wendung von Gegnern des Marschalls, gemünzt auf den katastrophalen polnischen Rückzug aus der Ukraine und Weirussland. Weygand wies zurück, der Stratege von Warschau gewesen zu sein; in einem Interview mit der Zeitung L’ Information“ sagte er 1921: „Das ist ein reiner polnischer Sieg“.

Obwohl politisch verantwortlich für die Niederlage, schaffte es Josef Stalin, sich seines Konkurrenten Leo Trotzki zu entledigen, des Schöpfers der Roten Armee. Seine Rechnung mit Tuchatschewski beglich er 1937, als er den Marschall zusammen mit vielen anderen Generälen im Zuge der großen Säuberung erschießen ließ. Die Demütigung von 1920 wirkte bei Stalin trotzdem fort, seine Rache an der polnischen Militärelite lebte er 1940 aus, als er das Massaker an 4400 gefangenen polnischen Offizieren bei Katyn anordnete, die nach dem sowjetischen Einmarsch in Ostpolen ab 17. September 1939 in seine Hände gefallen waren.

In Deutschland fand das Wunder von Warschau von Anfang an nur ein bescheidenes Echo. Es fehlte der Resonanzraum. Für die KPD und ihre Anhänger waren die Polen diejenigen, die den zum Greifen nahen Sieg des Kommunismus außerhalb der Sowjetunion vereitelt hatten. Sehr viele Konservative in Deutschland wiederum registrierten zwar das Ergebnis – aber so weit, sich bei Jozef Piłsudski dafür zu bedanken, wollten sie nicht gehen. Dazu waren die Spannungen zwischen den Ländern auch zu stark, von der Aufstandserie in Oberschlesien bis zum Streit um den Danziger Korridor.

Eine Fernwirkung von Warschau 1920 unterschätzen viele Historiker bis heute: Die Schaffung eines Sowjetimperiums mit Hilfe der Roten Armee mussten Lenin und Stalin zwar notgedrungen abbrechen – aber sie hatten gleichzeitig auch ihre Bereitschaft dazu gezeigt, so, wie sich auf der anderen Seite Deutschlands Kommunisten als sowjetische Sachwalter angeboten hatten, als Vortrupp einer Streitmacht, die irgendwann kommen würde. Sie bedienten dieses Bild immer wieder, etwa in den Leuna-Kämpfen und in dem Hamburger Putsch Ernst Thälmanns 1923, und gefielen sich bis zum Ende der Weimarer Republik in der Rolle einer fünften Kolonne.

Als Alterspräsidentin des Reichstags rief die greise Clara Zetkin 1932, sie werde von diesem Pult aus bald das erste Parlament Sowjetdeutschlands eröffnen. Dazu übertrieb die Kommunistische Partei noch hemmungslos die Schlagkraft ihrer paramilitärischen Verbände. Auch das machte es Hitler leicht, Stimmen von verunsicherten Bürgern einzusammeln. Die Möglichkeit eines sowjetischen Deutschlands erschien vielen, um Lloyd George zu bemühen, nicht nur als Schimäre. Von Hitler führte der Weg dann bekanntlich zum Weltenbrand – mit exakt dem Ergebnis eines mitteleuropäischen Sowjetblocks 25 Jahre später.

Im Nachbarland gehört der Sieg von Warschau vor 100 Jahren zur großen nationalen Erinnerung. Zweimal hielten die Polen nach dieser Erzählung im letzten Augenblick ihr Schild vor Mitteleuropa: einmal am 12. September 1683, als ihre Reiter am Kahlenberg vor Wien die Truppen Kara Mustafa Paschas vernichtend schlugen, als die Stadtmauern schon wankten.
Und einmal, als sie ein sowjetisches Heer zertrümmerten, das seine Befehlshaber schon auf dem Weg nach Breslau und Berlin sahen.

Dass Stalin, der Kommissar von 1920, der Bündnispartner Hitlers 1939 und Auftraggeber des Massakers von Katyn dann 1945 als Partner der Westmächte in Potsdam saß, während Polen genau das Schicksal erlitt, das ihm schon 1920 gedroht hatte, die Besetzung und Eingliederung in den sowjetischen Block – diese Geschichtsvolte halten viele Polen bis heute für unverjährbaren Verrat.

Wer diese Perspektive kennt, der versteht die allergischen Reaktionen besser, die Belehrungen aus Brüssel und anderen westlichen Hauptstädten dort auslösen. Und auch, warum etliche Polen keine Lust verspüren, nationale Souveränität an eine Organisation namens EU zu übertragen.

Was Deutschland betrifft: Es wird interessant sein zu zählen, wie viele deutsche Politiker an diesen 13. August vor 100 Jahren erinnern, an dem vor Warschau der Weltbrand verhindert wurde.

Dieser Text erscheint auch auf Tichys Einblick.

28 Kommentare
  • Oskar Krempl
    13. August, 2020

    Sehr geehrter Herr Wendt,

    so sehr ich auch Ihre Artikel schätze, diesmal mus ich Ihnen leider die Zustimmung versagen. Sie stilisieren hier etwas hoch, was so nicht stattgeffunden hatte. Den Krieg zwischen Polen und der jungen Sowjetunion haben nicht die Sowjets, sondern die Polen vom Zaun gebrochen, getrieben von dem Wunsch das seinerzeitige Großreich (als noch in Union mit Litauen) wieder herzustellen. Deswegen sind sie bis 1939 mit all ihren Nachbarn «angeeckt».
    Polen hat nicht für Europa gefochten, sondern ausschließlich für sich selbst. Dass Frankreich nach 1918 ein starkes Polen wollte, liegt in der Politik Frankreichs begründet, deswegen auch seine Unterstützung.
    Letztendlich hat das Wunder an der Weichsel Stalin ermöglicht, der einfach seine Befehle ignorierte (was Sie am Ende auch schreiben).

    Mit freundlichen Grüßen

    Oskar Krempl

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  • Robert Meyer
    14. August, 2020

    Interessant, dass Sie die polnische Sicht der Dinge offensichtlich so teilen. Jan Sobieski hatte 1683 wohl erkannt, dass das Eindringen der Türken in Mitteleuropa auch ihn bedrohen würde. Aber das von ihm geführte Heer bestand zum weit überwiegenden Teil aus Truppen des Kaisers, also weitestgehend Deutschen. Und ohne deren Leistungen wäre seine Kavallerie wohl völlig aufgerieben worden. Das soll den Einsatz und Kampfesmut der Polen nicht schmälern, aber richtig einordnen.
    1920 war der Erfolg vor Warschau – der nur mit sehr viel Unterstützung, insbesondere Waffenlieferungen der Franzosen gelang – mag als Ergebnis die vorläufige Rettung vor der Roten Armee in Mitteleuropa, mindestens aber im Schlesischen Industriegebiet gewesen sein. Die sowjetisch-polnische Auseinandersetzung hatte aber völlig andere Ursachen, nämlich die Hegemoniebestrebungen Beider über Osteuropa. Auch heute träumen die Polen ja wieder vom Reich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Bereits damals haben sie mit jedem ihrer Nachbarn bewaffnete Auseinandersetzungen darüber geführt, sich möglichst große Stücke Territorium einzuverleiben, auch solche, in denen Polen allenfalls Minderheit waren. Wie sie selbst Minderheiten in ihrem Staat behandelt haben, ist auch bekannt.

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    • Polit-Legasheniker
      16. August, 2020

      2 Jahre nach 120 Jahren des Unabhängigkeits-Verlusts war Polen ausgeraubt, kolonisiert, sozial geschwächt durch Bildungs-Einschränkungen. Ein Staat, der seine Unabhängigkeit auf möglichst solide Basis stellen wollte – wenn auch etwas unglücklich – verwundert einen nicht.
      „Wie sie selbst Minderheiten in ihrem Staat behandelt haben, ist auch bekannt.“ Dazu noch den Polen Hegemonie-Bestrebungen vorzuwerfen – und das ist ein deutsches Problem: moralisch immer die anderen zu belehren.
      Und wie war es mit deutschen Behandlung der Minderheiten und Hegemonie-Gelüsten in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts?

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  • P. Backfisch
    14. August, 2020

    Eine wirklich tolle Würdigung dieses bedeutenden historischen Ereignisses. Es erklärt die weitere polnische und europäische Geschichte und zeigt, dass die Polen recht haben wenn sie sich nicht bereitwillig allem unterwerfen was aus Brüssel kommt. Denn es ist schon etwas dran, wenn die Menschen oft UdSSR mit EUdSSR gleichsetzen. Auch Lenin versprach eine freie friedliche Welt, die mit dem Neuen Menschen geschaffen wird. Der zu schaffende transhumane EU-Bürger ist das gleiche Hirngespinst Lenins.

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  • Hans Krüger
    14. August, 2020

    Danke für diesen besonderen Geschichtsunterricht zum 13. August 1920 und seinen Auswirkungen bis in die heutigen Tage. Mir war das so nicht bekannt.

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  • L´Epouvantail du Neckar
    14. August, 2020

    Die zahlreichen Kommentare sind bereits auf «Tichys Einblick» (TE) zu lesen. Das sollte aber nicht von Spenden an Publico abhalten.

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  • Werner Bläser
    14. August, 2020

    Eine Schlüsselrolle in dieser Operation kam dem polnischen Geheimdienst zu, der, wie im Text berichtet, den sowjetischen Code geknackt hatte. Was weniger bekannt ist: dieser Geheimdienst mit seinen herausragenden Mathematikern leistete schon lange vor dem 2. Weltkrieg auch die wesentliche Grundlagenarbeit, aufgrund der Alan Turing und seine Helfer den deutschen Enigma-Code knacken konnten. Das waren Leute wie Henryk Zygalski, Marian Rejewski, und Jerzy Rozycki. Erst später fiel den Alliierten dann die Enigma im Original in die Hände. Dies alles war mitentscheidend für die Niederlage Hitlers.
    Vor diesem Hintergrund erscheint es umso unverantwortlicher, wenn erfolgreiche Operationen des BND (mit der CIA) wie die ‘Operation Rubikon’ (Kauf der schweizer Firma Crypto AG und Nutzung ihrer Chiffriermaschinen zur Spionage) perhorresziert werden.
    Die deutsche Regierung, allen voran Angela Merkel persönlich, und die Öffentlichkeit jagt der Chimäre nach, die internationale Politik sei ein Ponyhof, in dem fast alle dazu bewegt werden könnten, Konflikte im Sinne der regelbasierten Zusammenarbeit zu lösen.
    Dahinter steht eine lange gewachsene Kultur der Naivität. Diese Naivität zeigt sich in vielerlei Feldern, nicht zuletzt auch in der Migrationsfrage, oder, in anderer Form, in den kindlichen Weltrettungsfantastereien der die öffentliche Debatte dominierenden journalistischen Grünlinge.
    Offenbar haben uns Jahrzehnte des Wohlstands und der Sicherheit geistig von den Realitäten der Welt weitgehend abgekoppelt.

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    • Claudia Waldthurn
      18. August, 2020

      Danke für diesen erhellenden Kommentar zur Rolle der Kryptografie. Der Satz «… einen [Sendemasten] blockierten sie, indem sie das gesamte Buch Genesis auf Polnisch und Latein funkten» hat einen Bezug zur modernen IT: Man würde das heute Dienstattacke («Denial of Service» Attacke) nennen.

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  • Karl Kaiser
    14. August, 2020

    Warschau mußte verteidigt werden, weil Polen zuvor die Sowjetunion überfallen hatte. Zwischen 1919 und 1939 attackierte Polen unter wechselnden Diktatoren praktisch alle seiner Nachbarn einschließlich Deutschlands.
    Nach seinem Militärputsch schlug Pilsudski der französischen Regierung vor, gemeinsam Deutschland anzugreifen, mit dem Ziel sich Schlesien und Pommern einzuverleiben.
    Am Münchener Abkommen beteiligte sich Polen, indem es Teile der Resttschechei annektierte.
    Polen war eine Militärdiktatur, ähnlich wie Spanien und hatte alles andere im Sinn als die Rettung Europas.
    Die Nacherzählung solcher historischer Urknalltheorien paßt nicht zu Ihnen, Herr Wendt.
    Überlegen Sie sich das Ganze nochmal.

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  • Dr. Bernd Ramm
    14. August, 2020

    Hallo,
    ein bemerkenswert informativer Beitrag. Ich habe beim Lesen einiges gelernt. Meinen Dank dafür.
    Bernd Ramm

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  • Wolfgang Neumann
    14. August, 2020

    Als ich in Ostpreussen die Geschichte meiner Familie verfolgte, sah ich in einer schön sanierten Ordensburg großformatige Fotos aus 1914 an der Wand im Innenhof hängen. Zu meiner Überraschung wurde dort nachgewiesen, dass zwar ein wirrer deutscher Kaiser (ohne Truppen an der Ostfront) der Sowjetunion den Krieg erklärt hatte, aber – nun wird es für uns interessant – die Sowjetunion Deutschland angegriffen und die ersten Kleinstädte und Dörfer zerbombt und verwüstet hatte. Das wurde zwar schnell von deutscher Seite bereinigt. Aber der Überfall im WK II ging von der Sowjetunion aus.
    Das war mir neu. Soviel zur geschichtlichen Bildung in D.
    Ehe sich jemand aufregt: Das soll nichts relativieren. Es gehört aber zur Wahrheitsfindung und zum Geschichtsverständnis, auch die realen Abläufe darzustellen. Das Schicksal hatte diese arme Stadt dann zweimal getroffen, da sie im Verwüstungs- Korridor lag, als Ostpreussen im WK I eingeschlossen wurde. Das sieht man der Stadt – im Gegensatz zum gut erhaltenen Allenstein – an….
    Somit kann man die gelehrte Geschichte in D in den Eimer werfen. Die Polen scheinen hier ein aufgeklärteres Verständnis zur Geschichtsschreibung zu haben. Nun gut, Grunwald – da war ich auch – ist sehr überhöht und nicht so abgelaufen.
    Es ist nicht verwunderlich, dass viele deutsche Germanistikstudenten – somit auch Journalisten etwas wirr im Kopf sind – da verbildet. Zum Glück gibt es noch Ausnahmen, wie man hier im Blog sieht…

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  • Oscar Rabold
    14. August, 2020

    Auch interessant:
    ‘Überlegungen des Generalstabs der Roten Armee zum Plan eines strategischen Aufmarschs der Streitkräfte der UdSSR für den Fall eines Krieges gegen Deutschland und seine Verbündete, nicht vor dem 15. Mai 1941’
    https://www.1000dokumente.de/index.html?c=dokument_ru&dokument=0024_zuk&object=translation&st=&l=de

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  • Immo Sennewald
    14. August, 2020

    Danke.

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  • Sam
    14. August, 2020

    Muß zugeben, etwas gelernt zu haben.
    Nach Clara Zetkin ist in meiner Wohngegend eine Straße benannt.

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  • Christian Wandtke
    14. August, 2020

    Sehr geehrter Herr Wendt,

    sehr spannend, meiner bescheidenen Kenntnis nach auch alles richtig geschildert.
    Ich erlaube mir allerdings darauf hinzuweisen, dass Polen unmittelbar nach seiner Wiedererstehung 1918, alle seine Nachbarn angriff, mit dem Ziel, sein Territorium auszudehnen.

    Deutschland, Litauen, die Sowjetunion und die Tschechoslowakei mussten sich der polnischen Aggression erwehren. Der spätere polnische Außenminister Beck träumte von einem Großreich, das unter anderem deutsches Territorium bis zur Elbe beanspruchte.
    Ich möchte den großartigen Sieg der Polen gegen die Horrormacht Sowjetunion nicht relativieren, steht mir auch gar nicht zu, aber nur zu oft wird Polen in der Geschichtsschreibung als DAS unschuldige Opfer des 20. Jahrhunderts dargestellt und das waren sie nicht.

    Beste Grüße

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  • Sibylle Abromeit
    14. August, 2020

    Fehlt in diesem Drama nicht eine Kleinigkeit? Ein Kinkerlitzchen wie zB. die Ursache des Auftauchens der Roten Armee an der Weichsel?

    Die herzige Geschichte von den heroischen Polen im Abwehrkampf gegen die bösen Bolschewiken habe ich in meiner Jugend lange geglaubt – bis zu dem Tag, an dem mir historische gebildete, nichtsowjetische Russen erklärten, daß die Polen im Sommer zuvor das Chaos und Elend des Bürgerkriegs im revolutionsverheerten Rußland nutzten, um ihre Truppen in Kiew einrücken zu lassen, weil Kiew bekanntlich eine polnische Stadt ist und Nationalisten und Eidbrecher wie Pilsudski im Siegestaumel von 1918 die Gelegenheit ihr Großpolen herzustellen, nicht ungenutzt verstreichen lassen wollten.

    Wer also von Weichselwunder spricht, sollte vom Polen zwischen den Meeren (Ostsee bis zum Schwarzen Merr) und bis zum Ural nicht schweigen.

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  • Katarzyna Sowa
    14. August, 2020

    Vielen Dank für diesen Artikel.

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  • Dr. Peter Müller
    14. August, 2020

    Ich bin gerne behilflich, die vergessenen Fakten zu ergänzen: Polen (das damals gegen JEDEN seiner Nachbarn Krieg anfing) hat bereits 1918 (der eigentliche Krieg war bekanntlich 1919/21) erst mal weite Teile des ehemaligen Zarenreiches hunderte Kilometer östlich der Curzonlinie (Sprachgrenze) bis einschließlich Kiew(!) erobert.

    Sämtliche Großmächte (USA, Großbritannien, Frankreich, Japan sowie auch Griechenland) haben das junge Sowjetrußland bereits ab 1918 angegriffen (Polar Bear Expedition, American Expeditionary Force Siberia, Odessa, Sibirische Intervention, usw.) Lenins Befürchtungen beruhten also auf bereits erfolgten TATSACHEN und realen Erfahrungen.
    _
    «Giftgas für die Bolschies

    Wer die Sowjetregierung stürzt, kann diese Territorien anders aufteilen, so die Überlegung in London und Paris»_

    https://www.freitag.de/autoren/the-guardian/giftgas-fuer-die-bolschies

    So neu sind die Narrative des Artikels übrigens nicht. Ganz ähnlich hatten wir das schon mal.

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    • Polit-Legasheniker
      16. August, 2020

      Jeder Krieg ist überflüssig. Na ja, mindestens im Vergleich haben Polen den Russen nicht soviel Leid gebracht wie seine anderen Nachbarn 1941 und auch nicht soviel, wie die Russen sich selbst in den 30er Jahren.

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  • Max Mertens
    14. August, 2020

    Sehr interessanter Artikel, Herr Wendt! Sicher haben Sie dabei auch an ‘unseren’ 13. August gedacht und diesem bewußt einen Kontrapunkt entgegensetzen wollen. Da sie meines Wissens bislang nicht als publizierender Historiker hervorgetreten sind, wäre mir daran gelegen zu erfahren, welchem lesen- und kaufenswerten Buch Sie Ihre Darstellung entnommen oder Ihrer Darstellung zugrundegelegt haben. Übrigens streifen Sie nur in einem Nebensatz den vorhergehenden Angriff Polens. Paßt der nicht in die ausgebreitete polnische Heldenoper? Daß er sich gegen ‘die Ukraine’ richtete ist ja wohl nur eine sehr wässrige Einlassung, wo doch die Ukrainer mindestens das kyrillische Alphabet benutzen, nicht wahr?
    Trotzdem & allem: vielen Dank für diese gegen den üblichen Strich gebürstete Darstellung. Auf vielleicht noch eintreffende kritische Einlassungen anderer als nur ‘polonophiler’ Leser darf man gespannt sein. Angesicht der ‘Exotik’ des Themas mögen sie aber eher ausbleiben. Im Grunde vermißt ja auch niemand etwas…

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  • Hartmut Pilch
    15. August, 2020

    Polen war von 1817 (Wiener Kongress) bis 1917 (Frieden von Brest-Litowsk) russisches Protektorat. Der Zusammenbruch Russlands und Deutschlands ermöglichte eine turbulente nationale Neugeburt, zu der Versuche einer Eroberung des Territoriums eines mittelalterlichen polnischen Großreiches gehörten, das Ukraine, Weißrussland, Baltikum und Teile Russlands umschloss. Polen hatte schon einmal in der Hoffnung auf eine derartige Restauration für Napoleon die Drecksarbeit gemacht. Umgekehrt verhielt es sich auch 1917 weiterhin wie ein Teil eines großrussischen Bürgerkrieges, infolge dessen es sich mit dem Gegenschlag der Roten Armee konfrontiert sah. Dass es dabei um einen «Weltenbrand» gegangen wäre, ist wohl ein Märchen, dass sowohl bei Sowjetkommunisten als auch bei Antikommunisten populär war. Ein Übergreifen einer revolutionären Begeisterung auf Deutschland war selbst in der damaligen Lage wohl nicht ernsthaft zu erwarten https://vk.com/wall-113930409_23337. Hier übertreibt der ansonsten sehr packend geschriebene Artikel die Tragweite des Ereignisses, und damit arbeitet er einer durchaus bedenklichen heutigen polnischen Propaganda in die Hände, deren Auswirkungen wir gerade bei einer Schmierenkomödie in Minsk gesehen haben. Das Wort «Schmierenkomödie» kann man auf die dortigen Wahlen anwenden, aber noch mehr trifft es das Husarenstück des ukranischen Geheimdienstes, der dort 33 «russische Söldner» als angebliche Wahlintervenienten zusammentrommelte, und den Kult diverser EU-Politiker um einen weißrussischen George Floyd, dem ein Molotowcocktail in der Hand explodierte. Auch bei all dem ist Polen hyperaktiv.

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    • Polit-Legasheniker
      16. August, 2020

      Ah, 1817? Da hat die Welt-Geschichte angefangen? Natürlich, nur die bösen Russen haben Polen annektiert. Und wie viel von polnischen Gebieten hat 1772, 1793 und 1795 hat Preußen und Österreich besetzt?

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  • Hartmut Pilch
    15. August, 2020

    Stalin war 1939 kein Bündnispartner Hitlers. Er wollte nicht für England die Kastanien aus dem Feuer holen. Anders als die Westeuropäer hat er Hitler nie getroffen, und auf Einladungen Hitlers, gemeinsam andere anzugreifen, ist er nicht eingegangen. Auch in Polen rückte die UdSSR erst ein, nachdem Deutschland ganze Arbeit geleistet hatte und die polnische Regierung geflohen war. Es ging Stalin darum, den Krieg mit Deutschland unter günstigen Bedingungen zu vermeiden oder verzögern. Es war klar, dass die Westmächte Hitlers Angriffslust nach Osten lenken und der UdSSR die Hauptlast aufbürden wollten.

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  • Werner Bläser
    15. August, 2020

    Einige Kommentatoren heben die Angriffe Polens auf seine Nachbarn und grosspolnische politische Visionen hervor. Stimmt alles. Es geht sogar noch weiter zurück, bis mindestens etwa auf die Zeit um 1500. NUR: Es macht eigentlich wenig Sinn, dass im Sinne und mit dem Tenor einer Art Schuldaufrechnung zu machen (ich sage nicht, dass die meisten Kommentatoren das tun). So, wie wir uns heute dagegen wehren, dass alte Statuen niedergerissen werden, weil die historischen Figuren nicht unserem Zeitgeist entsprechen, so müssen wir auch darauf verzichten, alte Politiken mit heutigen Massstäben zu messen.
    JEDER versuchte damals von JEDEM, Territorium zu gewinnen (auch Polen wurde mehrfach angegriffen), wenn die eigene Macht oder die Schwäche des Nachbarn dies zuliess. Die ganze Geschichte ist voll von solchen Ereignissen – sie waren Normalität. Sun-tse, Han Fei, Kautilya, Machiavelli und Hobbes haben ihre «realistischen» Politik-Traktate ja nicht aus dem Nichts heraus geschrieben.
    Es galt ganz allgemein «das Recht der Eroberung» (right of conquest). Wer die Macht hatte, fremdes Territorium zu erobern, durfte das nach allgemeiner internationaler Rechtsauffassung tun.
    Sie haben von diesem Recht noch nie etwas gehört? Kein Wunder, die deutsche politische und historische Debatte ist eben seit langem auf den Hund gekommen und ignoriert essentielle Fakten. Vor allem: unbequeme Fakten.
    Denn dieses Recht, das zwar mit der Zeit an Bedeutung verlor, wurde von vielen selbst noch im 19. Jahrhundert und später anerkannt. So galten die Eroberung des amerikanischen Westens und die Inbesitznahme indianischer Territorien damals bei den meisten nicht als illegitim (übrigens praktizierten die Indianer untereinander dieses Verfahren ebenso wie die Weissen – auch davon redet heute keiner mehr).
    Man sollte jede Zeit auf zwei Weisen beurteilen – mit den Massstäbe der Zeit selbst, und meinetwegen, mit denen der Neuzeit. Aber nicht ausschliesslich mit denen der Neuzeit.

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  • Hartmut Pilch
    16. August, 2020

    P.S. Gestern abend widmeten die «Großen Nachrichten» des russischen Staatsfernsehens (Rossiya24, Vesti) dem «Wunder an der Weichsel» mehr als 5 Minuten. Es gibt von dem Sender auch eine große Doku dazu. Noch mehr als die Doku hob Vesti auf ein paar Aspekte ab, die in der westlich-polnischen Darstellung unterbelichtet seien. Das «Wunder an der Weichsel» habe Polen zwar einsamen Entscheidungen von Marschall Pilsudski zu verdanken, aber nicht minder entscheidend sei die massive westliche Hilfe gewesen. Polen sei ab 1917 von den Westmächtgen hochgerüstet worden und als deren Stellvertreter in das russische Reich eingefallen. Dies in ziemlich der gleichen Weise wie später Deutschland als Rammbock vom Westen in Position gebracht worden sei. Bei den polnischen Okkupationen auf Minsk, Kiew usw habe es auch immer wieder Judenpogrome gegeben, denn man habe in Polen die Juden als Verräter der Nation und Verhinderer ihrer Wiedergeburt in der Vergangenheit erlebt und in Erinnerung gehabt. Russland habe in Folge der polnischen Eroberungszüge eine patriotische Welle und eine Konsolidierung der Roten Armee erlebt, gewissermaßen einen Vorgänger des Großen Vaterländischen Krieges. Dadurch sei schließlich die Zurückdrängung der Polen gelungen. In dem Moment des Wunders an der Weichsel sei in Warschau neben anderen Westkontingenten auch der französische General Weygand mit Elitetruppen einschließlich 60 höheren Offizieren gewesen. Während für Polen das Wunder an der Weichsel die nationale Wiedergeburt ermöglicht und eine erneute Vereinnahmung durch Russland verhindert habe, sei es für Russland eine Tragödie und schwelende Wunde geworden. Die Polen hätten ca 28000 gefangene Russen zu Tode gefoltert und die Herrschaft über russische Gebiete behauptet, die ihnen nie zustanden. Sie hätten sich weiterhin als Rzeczpospolitaya (d.h. mittelalterliches großpolnisches Imperium) geriert und außenpolitische Feindseligkeit gepflegt, die in der Sowjetunion dazu führte, dass man jederzeit wieder mit ihrem Angriff rechnete. Auch die Grausamkeiten von Katyn seien teilweise mit den Grausamkeiten der Polen von 1920 zu erklären. Während Russland Gedenktafeln für die in Katyn getöteten Offiziere errichtet habe, entferne Polen heute nur jedes russlandfreundliche Gedenken von seinem Territorium.

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  • Polit-Legasheniker
    16. August, 2020

    Herr Wendt, ich danke Ihnen für ein weiteres Paradebeispiel des gut recherchierten exzellenten Journalismus. Dass aus dem Gebüsch gegen Sie manchmal geschossen wird, habe ich erwartet. Es sind aber Gott sei Dank meistens die Platzpatronen, weil sie selbst eine selektive, einseitige Darstellung bieten. Natürlich, haben Polen manchmal leichtsinnig, selbst überschätzend und nationalistisch sich in manche ungeschickte Scherereien verwickelt. Wundert das einen nach 120 Jahren „Kolonialherrschaft“ von Russen, Deutschen und (etwas milder) Österreichern? Der erhobene deutsche Zeigefinger kommt leider in vielen Kommentaren zur Geltung. Die Vorwürfe von polnischem Hegemonismus, Minderheitenunterdrückungen usw. klingen etwas vermessen als ob ein ehemaliger Räuber einen ehemaligen Taschendieb über seine moralischen Tiefgänge belehren möchte. In einem anderen Kommentar den Polen eine vertragliche Annexion von einem Landstück nicht viel größer als Bremen als Verbrechen aufs Butterbrot zu schmieren wo man selbst langsam Europa-Überflutung in Gang setzte, klingt nicht besonders überzeugend.

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    • Karl Kaiser
      18. August, 2020

      Ohne Ihren zweifellos ernstgemeinten Kommentar hier bewerten zu wollen, möchte ich Ihnen zur Wahl Ihres Usernamens gratulieren.
      Sehr treffend, wirklich.

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Original: Der Weg zum Weltbrand

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