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Politik, Gesellschaft & Übergänge

Wochenrückblick: Slomkarren und Schulzen

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Von Alexander Wendt / / medien-kritik / 11 min Lesezeit

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Populär sind bei Journalisten Ausflüge in die Jugendsprache. I bims! Großer Beliebtheit erfreut sich auch das Spiel, Neologismen zu erfinden und gleichzeitig zu behaupten, sie kämen aus dem Bauch des Volkes. Beispielsweise „lindnern“. Das Verb, erklärt der SWR, dessen Redakteure sich seit letztem Sonntag kreative Gedanken über den Jamaikazerstörer Christian Lindner machen, „beschreibt das Zurückziehen von einer gemeinsam geplanten Gruppenaktivität zum spätmöglichsten Zeitpunkt.“

Anwendungsbeispiel:
„Kommt Jürgen heute?“
„Nein, er lindnert.“
Das bewegt sich ja nun schon fast auf der Anspielungsebene von Jan Böhmermann, wenn nicht gar Oliver Welke. Nur eine kleine Anmerkung: wenn mit der„gemeinsamen geplanten Gruppenaktivität“ die Sondierungsverhandlungen gemeint waren, dann zog sich die FDP tatsächlich sehr spät zurück, denn eigentlich hätten sie ja auf ausdrücklichen Wunsch der Kanzlerin („ich will das“) am Donnerstag, den 16. November enden sollen. Bekanntlich machten Lindner und seine Leute noch bis Samstag spätabends weiter. Also heißt lindnern: aus Rücksicht auf der Party bleiben, obwohl man weiß, dass die jetzt schlechter und schlechter wird. Irgendwie hatten die Scherzkommissbrote des SWR aber das Gegenteil gemeint, nämlich das Ausdemstaubmachen. Nur: für eine gemeinsame Gruppenaktivität namens Koalitionsverhandlung oder Koalition gab es gerade keine Verabredung. Die Sondierungsverhandlungen waren ja überhaupt erst der Versuch, etwas Festeres auszumachen. Aber konterkarierende Logik braucht ein Sender nun wirklich nicht, wenn es um das Anprangern eines Merkellandverräters geht.
Apropos neue Verben: Vielleicht setzt sich demnächst slomkarren durch, was bedeutet, mit jemand ein Gespräch ohne Erkenntnisinteresse zu führen, sondern nur mit der Forderung, der andere solle endlich seine Verachtungswürdigkeit bestätigen. Nichtgestehen führt automatisch zur Schuldverdoppelung.
Was gab es noch? Angela Merkel trat auf dem Parteitag der CDU Mecklenburg-Vorpommerns auf, um dort festzustellen, es sei nicht schade um Jamaika, ihre Partei solle jetzt nicht „hadern“, sondern schauen, was gemeinsam mit der SPD ginge. Vor knapp zwei Monaten sagte die Unabwählbare, die SPD sei „nicht regierungsfähig“, deshalb gelte es, nicht zu hadern, sondern aus Jamaika etwas zu machen. Im nächsten Schritt wird sie möglicherweise erkennen, dass eine Minderheitsregierung gar nicht schlecht wäre, vorgesetzt, sie findet unter ihrer Führung statt. Es gebe nämlich «einen Berg von Aufgaben», darunter auch «die Entlasstung kleiner und mittlerer Einkommen». In den letzten 12 Jahren ihrer Kanzlerschaft war ihr jedes Mal etwas dazwischengekommen, als sie nach dem Wiedervorlagemäppchen «Steuerentlastung» greifen wollte. Aber nun!
Hauptsache, keine Neuwahlen: Wie Markus Somm in der Baseler Zeitung feststellt, stört der Wähler in der Demokratie als Unsicherheitsfaktor doch erheblich.
Martin Schulz wiederum ließ am Montag noch beschließen, seine Partei werde auf keinen Fall in eine gar nicht mehr so große Koalition eintreten, um am Freitag festzustellen, dass „auf keinen Fall“ nun doch interpretationsfähig ist. Oder, um Heiko Maas zu zitieren: „Wir können im Prinzip über alles reden.“ Holla! Auf Facebook gilt das ja nicht so ohne weiteres.
Sprachhistoriker werden im Januar möglicherweise sagen: schulzen ist ein schon wieder vergessenes Verb aus der Redakteurssprache, das so viel bedeutet wie: ach, denken Sie sich doch irgendwas aus. Fußballmetapher kann nicht schaden.
Aus der Hauptstadt gibt es auch sonst historische Dinge zu berichten: erstmals kam in der fast verstrichenen Woche bei einem berlinüblichen Zusammentreffen von „Einzelgruppen“ (Bernd Zeller) neben klassischen Schlaginstrumenten laut B.Z. auch ein Nudelholz zum Einsatz. Was ja nichts anderes heißt als: da greifen virile Jungmänner, die noch nicht so lange (hier) leben, auf eine schon fast vergessene hiesige und dazu noch tendenziell feminine Tradition zurück. Das wäre mithin fast ein Fall für die Plakatkampagne „Typisch Deutsch“ der Berliner Staatssekretärin Sawsan Sexismusschock Chebli.

Neben Berlin gab es in der Woche noch ein zweites Epizentrum der Republik, Bornhagen im Eichsfeld, der Heimat Björn Höckes. Dort bauten sogenannte Aktivisten des Zentrums für politische Schönheit das von Höcke so genannte Holocaustmahnmal der Schande vor dessen Wohnhaus nach. Von dem Haus gegenüber dem Höckeschen Anwesen hatten die antivölkischen Beobachter nach eigenen Angaben schon wochenlang das Privatleben des AfD-Politikers ausgekundschaftet, vom Dumpfbackofen bis zu den tief in der Wolle gefärbten Schafen. Um die Belagerer loszuwerden, verkündete der politische Schönheitsaktivist Philipp Ruch, bräuchte Höcke nur vor den betonüberzogenen Sperrholzkisten niederzuknien. Falls nicht, werde man die Ergebnisse der Observation veröffentlichen („Der Höcke privat“). Ruch findet, Nazis müsse man mit „Nazimethoden bekämpfen“. Worauf Michael Klonovsky wohlbegründet meinte: handelte es sich bei Höcke um einen echten Nazi, dann würden die Aktivisten sich nie trauen, ihm auch nur annähernd so dicht auf die Pelle zu rücken.
Ruch und Kollegen könnten Klonovsky natürlich spielend Lügen strafen, indem sie auch ein miniaturisiertes Holocaustmahnmal in Gaza City errichten.
Zum Wochenabschluss tagen die Grünen auf ihrer Bundesdelegiertenkonferenz, die durch Katrin Göring-Eckardts Diktum in die Geschichte eingehen wird:
„Wir wollen, dass in diesen vier Jahren jede Biene, jeder Vogel und jeder Schmetterling weiß, wir werden uns für sie einsetzen.“
Anschließend sprach als Ehrengast Frank Drebin, haltquatsch, der Chef des Potsdamer Instituts für Klimaforschungsfolgen Hans-Joachim Schellnhuber, der den Grünen zurief: „Warum bin ich hier? Weil sich diese Partei offenbar als einzige den Luxus erlaubt, sich an der wissenschaftlichen Wahrheit zu orientieren.“
„Ja, das ist doch mal eine schöne/rührende Familienszene“ (Wilhelm Busch). Da entfernen wir uns im Stillen.
Die Einführung des Wahlrechts für Vollmeisen kann nur ein Übergang sein.

13 Kommentare
  • Welt.krank.
    26. November, 2017

    «spätmöglichst» ist auch kreativ. Ich Dussel dachte immer der Superlativ beziehe sich auf «spät», nicht auf «möglich».

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  • Hendo Renka
    26. November, 2017

    Die Unverschämtheit der Gruppe um Herrn Ruch ist bodenlos. Ich hoffe, dass es entspr. Strafverfahren gegen ihn gibt natürlich mit Verurteilung. Was sind das nur für Menschen, die aus lauter Hass jede Regel einer demokratischen Zivilisation brechen. Verabscheuenswert!

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  • Lichtenberg
    26. November, 2017

    «Danke!
    «Slomkarren» kommt in meinen Thesaurus linguae imperii Merkeliae.
    Und Ihr Wochenrückblick ins Archiv.

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  • Bärbel Schneider
    26. November, 2017

    Aber Herr Wendt, Höckes Schafe sind auch Nazis und mußten deshalb beobachtet werden. Schließlich unterstützen sie Höcke symbolisch bei seinem Kampf gegen das grüne Rechthaberkartell: Ich wette, das, was sie fressen, ist grün.

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    • Jürgen
      28. November, 2017

      Es ist nicht nur ein «grünes Rechthaberkartell», sondern ein rot/grünes (vulgo: linkes) Meinugsunterdrückungskartell, so dass sich für die BRD nur noch bestenfalls eine Meinungsfreiheit light feststellen läßt, was nichts anderes heißt, dass sich selbt ernannte Gruppen anmaßen zu bestimmen, was in Deutschland gesagt werden darf und was nicht, was also der in der Wolle gefärbte Faschismus ist.

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  • Helene
    26. November, 2017

    Der Rote Milan gehört offenbar nach Göring-Eckardts Logik nicht zu den Vögeln, denn für den haben die Grünen und die von ihnen gelobten Windmüller kein Herz, liest man doch immer wieder, daß die Windungetüme diesen Vogel, der sein Hauptverbreitungsgebiet gerade in Deutschland hat, zerhacken.

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    • Werner Marquardt
      27. November, 2017

      Nicht zu vergessen, die Fledermäuse, die bei langsam drehenden Windrad-Rotoren ein so genanntes Barotrauma erleiden können. Dadurch werden sie taub und für eine Fledermaus bedeutet taub blind.

      Sie kollidieren mit Hindernissen oder verhungern, weil sie die Echosignale ihrer Beute nicht hören können.

      Deshalb muss man vehement dagegen sein, dass Winräder in windarmen Gegenden aufgestellt werden. Wenn dann die Abschaltung bei Wenigwind zum Schutz der Fledermäuse dazukommt, erwirtschaften die für die Betreiber nur noch Verluste.
      Dass an solchen Standorten überhaupt gebaut wird, liegt an dem verfehlten Einspeisungsgesetz für «erneuerbare Energie».

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  • Lichtenberg
    26. November, 2017

    Die aggressiv-humanistische Aktion der Menschen um einen gewissen Ruch ist – ruchlos. Da wächst zusammen, was zusammen gehört.

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  • Paul Siemons
    26. November, 2017

    Zusammenfassend darf man sagen: wem die Presse nicht die Absolution erteilt, der wird verhitlert.

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  • Regina -Walczyk -Brozinski
    26. November, 2017

    Was kaum thematisiert wird ist die Tatsache, dass diese «Aktivisten «einfach nur zu blöd sind, um den Satz Höckes interpretieren zu können. Es ist schon lange bekannt, dass die MSM diese Aussage wider besseren Wissens weiter im der Öffentlichkeit halten. Insofern ist die ganze Aktion einfach nur lächerlich!

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  • Willi
    27. November, 2017

    Nun es mangelt in der nordkoreanisierten cdu nur eines «schwarzen schafes» das sich stauffenbergisiert und die sonnenkönigisierte selbstheiligisierte schwarzeneggerisiert.

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Original: Wochenrückblick: Slomkarren und Schulzen

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